Halt Polizei!
15. August 2009 von Thomas
Es ist noch früh am Morgen. Die Sonne ist eben aufgegangen und der Verkehr auf der Autobahn fließt störungsfrei dahin. Aus meinem CD-Spieler klingt meine Lieblingsband, und obwohl ich kein begeisterter Autofahrer bin, genieße ich die Minuten für mich auf dem täglich gleichen Weg zur Arbeit, bevor mich Kollegen, Kunden und Vorgesetzte wie jeden Tag gegen eine geringe monatliche Aufwandsentschädigung in die Maske des freundlichen Hans Dampf zwingen, der für jeden stets ein offenes Ohr und eine hilfsbereite Hand zur Verfügung hat.
Die Autobahn ist durchaus befahren, aber noch lange nicht voll, und ich fahre jeden Morgen eine halbe Stunde früher als nötig, um dem Stau zu entgehen, der sich in in paar Minuten am Autobahnkreuz hinter mir in die Straße ergießen wird, als würde ein Vulkan heißes Metall speien und seine chromglänzende Lava in den engen Kanal zwischen den Leitplanken fließen lassen.
Ich blicke nach vorn, das Lenkrad locker in der linken Hand, während die Finger der rechten im Takt zur Musik auf meinen Schenkel trommeln. Neben mir auf dem Beifahrersitz finden sich wie immer mein Handy und mein Akkurasierer – beide Zeichen meines Morgenrituals, das einen Anruf bei meinem Sohn, kurz bevor er zur Schule geht, und eine Rasur bei 120km/h vorsieht.
Während ich mich mit meinem Gefährt geschmeidig durch die langsam anschwellende Woge des Berufsverkehrs schlängele, nähere ich mich einer jener typischen Lendkradschnecken, die sich angstvoll an ihr Volant krallen, die Nase an die Windschutzscheibe drücken und versuchen ihr Auto vernunftwidrig mit Hilfe des Bremspedals zum Ziel zu bugsieren.
Das Steuer in der Linken, den Rasierer in der Rechten und ein Auge im Rückspiegel, um die ordnungsgemäße Schur zu gewährleisten, lenke ich meinen Wagen routiniert auf die Überholspur und sehe im letzten Moment einen grünen Farbtupfer im Seitenspiegel aufpoppen.
Polizei!
Ich lasse den Rasierer fallen und setze blitzschnell den Blinker, um nicht unangenehm aufzufallen und wegen einer Lappalie ein Knöllchen zu bekommen, nur weil der Staat in Zeiten der Wirtschaftskrise auf jeden rostigen Heller angewiesen ist. Schnell bin ich an der Schnecke vorbei, entspanne mich etwas und steuere zurück auf die rechte Spur.
Mir ist immer ein bisschen mulmig, wenn unser aller Freunde und Helfer mir auf der Autobahn begegnen, und auch heute habe ich das Gefühl, dass sie es nur auf mich abgesehen haben. Irgendwie scheinen sie ihre Geschwindigkeit über aus exakt der meinen anzupassen und nur auf einen kleinen Fehler zu warten, um unter dem Deckmantel der Verkehrssicherheit das Säckel des Verwaltungswasserkopfes zu füllen.
Ich konzentriere mich aufs Fahren, überlege fieberhaft, wie nochmal die Abstandsberechnung funktioniert, und frage mich zweifelnd, wann ich zuletzt die Rücklichter auf ihre Tauglichkeit überprüft habe. Meines Wissens müssen sie in Ordnung sein, zumindest kann ich mich grob erinnern, sie zuletzt beim Beladen des Hecks am Baumarkt in Aktion gesehen zu haben.
Bei dem Bremsleuchten bin ich da gar nicht so sicher. Ich werde nervös und beginne meine Geschwindigkeit so zu wählen, dass ich nach Möglichkeit nicht bremsen muss.
TÜV und ASU sind ok, Reifenprofil sollte in Ordnung sein – aber Mist – habe ich eine Warnweste im Auto? Mich plagt das schlechte Gewissen und meine Hände werden zunehmend feuchter.
Trotz meiner nun defensiven Fahrweise lässt sich der nächste Schneckenüberholvorgang nicht vermeiden, ich besinne mich kurz der Position des Blinkers, der in meinen Augen ansonsten nur Staffage ist, drücke aufgeregt den Hebel nach unten und…
verdammt! –
rechts blinken, links überholen, und der Jagdinstinkt der grünberockten Exekutive wäre geweckt. Schnell den Hebel nach oben, kurz aufs Gas…
KRACK! – weiterlesen »

Gestern war ein wichtiger Tag.
