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Teil I: Ausgangssituation

Es ist schon eine Last mit der Liebe in mittleren Jahren.
Sicher gilt das nicht für alle jene, die in der Mitte des Lebens stehen, wohl aber für viele, deren meist erste Ehe, oder langjährige Beziehung an den harten Klippen des Alltags im Konflikt zerschellt, oder am schleichenden Übergang von großer Liebe und Vernarrtheit zur Gewöhnung und am Ende zur Gleichgültigkeit zerbrochen ist.

Nun ergibt es sprachlich ein schiefes Bild, wenn wir von den Scherben einer Liebe und damit einer ganzen Existenz sprechen, und eine spätere neue Beziehung als “Patchworkfamilie” betiteln. Irgendwie ist es ja häufig mehr ein schiefes Kunstwerk hobbymäßig ungeschickter Bleiverglasung der umherliegenden Bruchstücke zweier Familien, dessen Entstehung und Erhalt nur allzu häufig den feigen und gemeinen Steinwürfen eines, oder gar beider Expartner ausgesetzt ist.

Na ja - sofern nicht einer der beiden neuen Partner das frisch gefundene Glück dadurch belastet, dass er sich selber im Werfen von Geschossen gegen die alte Liebe erschöpft und damit die neu gefundene Chance durch einen Grabenkrieg gegen die alte Verbindung aufs Spiel setzt.
Aber auch hier gibt es einen interessanten Seitenweg: der neue Partner beteiligt sich an der Hexenjagd gegen den verflossenen und hilft damit der neuen Beziehung, wenn auch keinen tieferen, so doch (in Ermangelung eines Besseren) einen für eine gewisse Zeit tragfähigen Sinn zu geben.

Aber letztlich ist das nicht das Thema, weil hier schon andiskutiert wurde, was im (manchmal zweifelhaften) Idealfall am langen Ende des Leidensweges steht, den Getrennte, Verlassene, Betrogene und irgendwie verlorenen Seelen des Mittelalters zu gehen haben.

Flachbrüstiges Schlagergeträller im Stil von “Du hast mich 1000x belogen…” wird zur Hymne einer ganzen Generation von Liebesenttäuschten, die im womöglich vorher geschehenen Seitensprung des Partners eine moralisch eindimensionale Begründung für ihr Unglück sehen, aber nicht gleichzeitig in der Lage sind zu realisieren, dass das Fremdgehen in vielen Fällen nur eine Folge der schleichenden Entfremdung beider ist, an der auch der scheinbar integrere Partner einen Teil Verantwortung zu tragen hat.

Betrachten wir nun die Rolle der Geschlechter am Anfang des Weges in ein neues Glück etwas genauer:

Auferstanden als etwas flügelsteifer Phönix aus den Ruinen und der Asche des alten Glücks unternimmt man die ersten zaghaften Flugversuche und holt sich zumeist ein paar dicke Beulen, weil man den perfekten Start, einen im Idealfall majestätisch anmutenden Flug und eine gelungene Landung erst wieder neu erlernen muss.
In gewisser Weise ist man ja mit den Jahren zu einem domestizierten Wildvogel mutiert, der sich erst wieder in freier Wildbahn zurechtfinden muss.
Diese Auswilderung birgt neben neuen spannenden Abenteuern natürlich auch Gefahren in sich - besonders für Frauen…

So ganz werden wir in der Diskussion nicht ohne Platitüden auskommen können.
Man möge dem Autor das großherzig nachsehen und bedenken, dass eine Platitüde ja nicht notwendig falsch, sondern häufig im Gegenteil eher richtig ist, auch wenn sie zu Recht daran leidet, dass sie Einzelfälle ausblendet, und die verbliebene Verkürzung der Wirklichkeit eher wie ein plakatives Schlagwort und weniger wie ein echtes Argument daherkommt.

Am Ende einer Beziehung gibt es meistens keinen Gewinner.
Auch wenn sich nicht beide zugleich und gegenseitig das Scheitern ihrer Beziehung eingestehen können, und nur einer der Partner als Triebfeder der Auflösung zu sehen ist, so verlieren doch beide gleichermaßen: der gemeinsame Traum ist gescheitert, die Seifenblase vom gemeinsamen Glück jäh und schmerzhaft zerplatzt.

Abgesehen von Einzelfällen und unabhängig von Schuldfragen leiden Frauen häufig “tiefer” und Männer “breiter”.

Frauen leiden in ihrer Seele - ein fast tödlicher Stachel hat sich tief in ihr Herz gebohrt und verursacht manchmal schier unmenschiche Schmerzen. Hinzu kommt (gerade wenn Kinder im Spiel sind) die oftmals nicht unbegründete Angst auf das soziale Abstellgleis zu geraten.

Auch Männer leiden (entgegen anders lautender Vorurteile) diesen Schmerz.
Dieser wird jedoch überlagert durch den häufig vom Vater ererbten und durch die Sozialisation in einer Männergesellschaft vertieften männlichen Stolz und ein irgendwie schiefes Männlichkeitsideal.
Insofern dringt der Herzstachel beim Mann nicht so tief - sein Problem ist eher die breit gestreute Schrotladung, die sein Ego perforiert hat.

Frauen durchleiden ihren Schmerz und verfügen als emotional geübtere Wesen über ein gut sortiertes Instrumentarium zur Schmerzbewältigung.
Eines ihrer besten Mittel im Kampf gegen des Leiden sind die Fähigkeit und der Mut den Dingen ins Gesicht zu sehen, sich mit den Tatsachen und dem aus ihnen geborenen Schmerz auseinanderzusetzen, während der Mann eher ausweichend-ängstlich auf eine Vogel-Strauß-Politik setzt.
Da wo die Frau schon “durchzustehen” begonnen hat, ist der Mann häufig noch Gefangener seines Kopfes und seiner durch das tradierte Männerbild verursachten Verstockheit. Es ist ihm oft nicht möglich, rational zu verstehen, was zum Scheitern des gemeinsamen Glücks geführt hat.
Das ist so lange auch kein Wunder, wie er die Ursachen geschlechtstypisch mit seinem Verstand zu ergründen versucht.

Männer sind Konstrukteure. Sie sind die Architekten einer Beziehung und fühlen sich verantwortlich und zuständig für den funktionierenden Rahmen des gemeinsamen Glücks, während die Frau in gewisser Weise den innenarchtiketonischen Part übernimmt und für den emotionalen Teil der Gemeinsamkeit verantwortlich zeichnet.
In gewisser Weise ist es wie in der Kindheit - für den Mann ist eine Beziehung eine Art Bausatz von Fischer Technik, während die Partnerin alles für eine bunte Puppenstube voller glücklicher Familenpüppchen zu tun bereit ist.

Männer beweisen ihre Liebe durch den Bau von Häusern, den Kauf und die Pflege der heimischen Familienkutsche und das Herankarren und Schleppen von Wasserkästen.
Frauen ersehnen sich Liebe in Form von Zärtlichkeit, guten Gesprächen und einer lang anhaltenden und tiefen Zuwendung der Partner.
Nur allzu oft hört man getrennte Männer klagen, dass sie doch a-l-l-e-s für das gemeinsame Glück getan hätten, während die Frau betrauert, dass ihr Mann sie in all den Jahren emotional nicht erreicht hat. Wie sollte er auch - er war ja dauernd im Baumarkt…

Teil II: Gehversuche

Der Volksmund besagt: “Männer sind Jungs in langen Hosen.” - und so gebärden sie sich auch nach dem Scheitern einer Beziehung.
Sie schimpfen auf ihr zusammengestürztes, windschiefes Kartenhaus, an dem sie doch so lange und vermeintlich erfolgreich gebaut haben, und wollen nicht begreifen, dass es ohne eine tiefe emotionale Bindung an die Partnerin auf Treibsand gebaut war.

Insofern leiden Männer länger als Frauen. Auch wenn sie schon längst “entliebt” sind, hängen sie noch ihrem alten Traum nach, betrauern dessen Scheitern und können sich so lange Zeit nicht wirklich von der Expartnerin lösen, die dauerhaft wie eine drohende Wolke über ihren neuen Beziehungsversuchen schwebt und lange kalte Schatten wirft…

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Anläufe eine neue Liebe zu finden oftmals kläglich scheitern.
Frau und Mann beginnen ihre Suche von unterschiedlichen Ausgangspunkten, mit unterschiedlichen Hoffnungen, Vorstellungen und Wünschen.
Während die Frau nach durchlittenem Schmerz einen Schlusstrich zu ziehen in der Lage und damit offen für einen Neuanfang ist, kämpft der Mann immer noch gegen sein übermächtiges verletztes Ego an und bleibt teilweise dauerhaft unfähig, sich ganz auf eine neue Partnerin einzulassen und sich neu zu binden.
Auf der Seite der Frauen führt das zu vielen Enttäuschungen, weil sich der vermeintliche Prinz als glibbriger, grasgrüner Frosch entpuppt, der sich auch mittels einer Vielzahl von Küssen nicht zur gewünschten Metamorphose in einen Edelmann bewegen lässt.

Es gibt Meinungen, dass Männer eben so sind -
Jäger, immer auf der Pirsch nach neuer Beute, nach einem neuen Reh, dass sie schlagen können - und dass sie dazu durch ihre Natur gezwungen sind, weil animalisch-archaische Urinstinkte sie dazu treiben ihren Samen auf möglichst viele Weibchen zu verteilen, um ihre Nachkommenschaft zu sichern. Nun ist das Letztere selbstverständlich nicht das Ziel, aber als Motor ihrer Bemühungen zu interpretieren.

In gewisser Weise stimmt das auch, ist aber für eine vollständige Beurteilung des Mannes nicht zureichend.
Die Frau, auf der Suche nach eine neuen Bindung und damit einem neuen Nest, möchte sich Zeit lassen und sorgsam auswählen.
Der Mann geht eher nach dem Gießkannenprinzip vor und versucht mehr über Quote als über Intensität zum Ziel zu kommen. Er ist entgegen landläufiger Meinung eher der, welcher über das Küssen vieler Froschfrauen seine “Prinzessin” zu finden versucht.

Auf keinem anderen Feld in dieser Phase der Neurorientierung prallen die Widersprüche der Geschlechter mehr aufeinander, als auf dem Gebiet der Erotik und der Sexualität. Sexualität ist ein Kreuzweg, auf dem Mann und Frau sich auf ihrer Wanderschaft immer wieder begegnen und - sich gegenseitig missverstehen und enttäuschen.
Um es prinzipiell zu fassen und plakativ zu sagen: Während der Mann Sex möchte und dabei schaut, ob es mit dem Verlieben klappt, möchte die Frau sich verlieben und hofft dann, dass auch eine erfüllte Sexualität möglich ist. Oder anders: der Mann möchte Spaß und nimmt in Kauf, dass sich mehr daraus entwickeln kann, während die Frau auf der Suche nach dem “Mehr” ist und widrigenfalls auch gegen ein wenig Spaß gelegentlich nichts einzuwenden hat.

Zum Unglück der Frau ist der Mann dabei aber in der stärkeren Position. Zum einen gelingt es ihm eher, die Spreu der Erotik vom Weizen der Liebe zu trennen. Der Mann ist wegen seines kopfgesteuerten Seelenlebens eher in der Lage, so eine Art “Konzept der erotischen Freundschaft zu leben”.
Dieses Konzept beinhaltet eine ganze Reihe von Beziehungsmerkmalen, wie gelegentliches Ausgehen, romantische Abende und natürlich auch mehr oder minder leidenschaftlichen Sex, ohne ihn jedoch in den (ihm wegen seiner unaufgearbeiteten Trennung drohlich erscheinenden) Strudel der Liebe zu ziehen. Das Ganze wird zudem beziehungsähnlich mit einer gewissen Exklusivität verbunden, wobei die kleine Vokabel “gewissen” einen für die Frau nicht zu vernachlässigenden Pferdefuß in sich birgt: “gewiss” kommt hier nicht von Gewissheit, sondern drückt vorsichtig gesagt “eine entspannte Haltung zum Treugelöbnis innnerhalb dieser Art von Übergangsbeziehung” aus.
Männer werden wissen was ich meine - und Frauen es am eigenen Leib, bzw. am Leib der anderen erfahren…

Teil III: Dramatik

Nun sind beileibe nicht alle Männer gewissenlos und so kommt es im Ent- und Bestehen solcher Mikrobeziehungen zu lustigen Missverständnissen. Und das geht so:

Man lernt sich kennen - in freier Wildbahn, oder immer häufiger in einer der mittlerweise zahllosen Partnerbörsen im Internet (die übrigens eine Menge Stoff für einen weiteren Artikel bieten), trifft sich ein, zwei, oder ganz züchtig auch ein drittes Mal und steht dann vor der schwerwiegenden Entscheidung, ob man es zu sexuell eingefärbten Schleimhautkontakten kommen lassen möchte.
Eine kluge Frau, auf der Suche nach etwas dauerhafterem als einer erotischen Sternschnuppe täte gut daran sich noch etwas zu zieren, so wie ein Pokerspieler, der auch nicht gleich sein Blatt offenbart, um den Gegner möglichst weit aus der Reserve zu locken.

Aber hier kämpft sie den aussichtslosen Kampf gegen den Vorteil des Mannes, dem es zunächst einmal um Erotik und weniger um Beziehung geht.
Wie eine rastlose Honigbiene summt er weiter zur nächsten Blume, wenn ihm die die Blüte der einen nicht den versprochenen Nektar liefert.
Mitunter bleibt die Frau frustriert und traurig zurück, weil der Mann in der vorherigen Akquisitonsphase eine ganzes Arsenal von Signalen auf sie abgefeuert hat, das Beziehungswillig- und -fähigkeit zu signalisieren schien.
Der Mann mutiert da mitunter unbewusst zu einer Art glubschäugigen und grabschhändigen Chamäleon, das in der Lage ist genau das Gewand anzulegen, das sein weibliches Gegenüber in der jeweiligen Situation maximal zu becircen in der Lage ist.

Und so gibt sie sich ihm letzendlich hin, in der Hoffnung, dass mit ihm das Mehr möglich ist, dass sie sich so sehr wünscht.
Dabei übersieht sie jedoch die Signale von seiner Seite, die - leider mehrdeutig - auch auf seinen Mangel an Beziehungsbereitschaft hinweisen.
Dieses Senden mehrdeutiger Zeichen ist die eigentliche Kunst des Verführers in mittleren Jahren.
Denn, obwohl er sich in seiner vorherigen Beziehung meist geweigert hat seiner Partnerin emotional das zu geben, nachdem es sie so sehr verlangte, hat er doch rational gelernt, welches ihre Bedürfnisse sind, und setzt dieses Wissen beim Werben um das nachfolgende Weibchen konsequent, wenn auch nicht immer aus bösem Kalkül ein.

Und während sie sich noch einredet, dass er mehr möchte als nur Sexualität und gemeinsame Freizeitaktivitäten, weil sie seine Signale hoffnunggeschwängert so interpretiert, wie sie in ihre Träume passen, so belügt er sich selbst (und sie wohl auch) ebenso.
Die Frau, im Willen ihn nicht zu bedrängen und ihm Zeit zu lassen auf dem Weg zu ihr, gibt nämlich ebenso Uneindeutiges von sich.

Rein verbal möchte auch sie “es erstmal locker angehen” und mal “ganz unbefangen aufeinander zu- und miteinander umgehen”, während sie zwischenzeilig zwar zart, aber dennoch relativ unverblümt den Wunsch nach seelischer und lebenspraktischer Verschmelzung durchscheinen lässt.
Ihr männlicher Gegenpart aber blendet diese, in ihren Worten mitschwingende Melodie vollkommen aus, obwohl er meist durchaus in der Lage ist, sie zu hören.
Und so lieben sie aneinander vorbei: sie ignoriert seine Signale der Distanz und er die ihren, die mehr Nähe bedeuten, und beide reden sich damit etwas ein, das ihr Gewissen beruhigt.

Vielfach enden solche Mikrobeziehungen nach einem ähnlichen Schema: irgendwann kann die Frau den Spagat auf dem schmalen Grat zwischen Tändelei und Liebe nicht mehr halten. Sie möchte z.B. “etwas mit den Kindern gemeinsam unternehmen”, oder an einem Wochenende mit ihm verreisen, das eigentlich männlichen Kumpaneiritualen vorbehalten ist.
Was immer auch der Auslöser ist: für ihn ist es das Zeichen der Zeit, endlich auch offiziell Bewusstsein darüber zu erlangen, dass er “nach seiner Trennung noch nicht soweit ist”, dass “der Stachel seiner Verletztheit noch zu tief sitzt, um ihm das Vertrauen zu ermöglichen, dass sie unbedingt verdient”. Er “möchte sie nicht verletzen”, “es täte ihm Leid” und “überhaupt war das gar nicht so abgemacht mit den Gefühlen, die da so plötzlich und unerwartet im Spiel sind”…

…womit er ihr elegant den schwarzen Peter zuschiebt für die verfahrene Situation…

Danach summt die Biene weiter zur nächsten Blüte, während die Blume zuvor ihm noch leise hinterherruft: “Wie konnest Du all diese Dinge so tun und so sagen, obwohl Du doch sowenig für mich empfunden hast…?”

Und so endet die Geschichte, die auf seinem Sofa mit einem von ihr gehauchten “Ich mach sowas sonst nie.” begann und mit seinem “Es tut mir Leid, aber ich bin noch nicht soweit.” zum Abschluss kommt.
Auf der Strecke bleibt die Chance, die beide vielleicht gehabt hätten, wenn ihre Kotflügel der Liebe beim Unfall der ersten großen Beziehung nicht zum Totalschaden zerdellt worden wären…

dialogGestern war ein wichtiger Tag.

Der Wechsel meines Sohnes auf die weiterführende Schule steht bevor:

„INFORMATONSVERANSTALTUNG ZUM THEMA WEITERFÜHRENDE SCHULE“

stand sperrig auf dem nachmittags noch hastig ausgedrucken Hinweisschild an der Tür zu Mini-Aula seiner Grundschule, die bis auf den letzen Platz prallgefüllt war.

Ich hatte mich mit meiner Exfrau und der Mutter meines Sohnes pünktlich eingefunden, um den Ausführungen des Abends zu lauschen.

Mit uns waren sie alle da: die feinen Leute, wie auch die Vorstände der Familien aus einfacheren Verhältnissen und die zwischen beiden Extremen oszillierenden Nuancen sozialer Gruppenzugehörigkeit.

Zehn Jahre alt ist man ja schließlich unabhängig vom sozialen Status und der Schulbildung seiner Eltern, und so trifft man bei solchen Veranstaltungen einen gesunden Querschnitt aus der Gesellschaft, was ganz normal und auch so okay ist.

Wenn da nicht…

…ja wenn da nicht die sechs Hauptstörenfriede wären, die aus einer solchen Veranstaltung ein Panoptikum zu machen in der Lage sind, wenn die Moderation nicht unheimlich auf der Hut ist:

  • DER KLUGSCHEISSER,
  • DER POSSENREISSER und
  • DER FEINE PINKEL

Ganz besonders kritisch kann die Situation werden, wenn sich zwei, oder gar alle drei Charaktere in Personalunion bei einem der Väter (meistens sind es ja die Herren, die meinen eine Balz aufführen zu müssen…) zusammenfinden.

Aber auch bei Frauen gibt es das Phänomen.
Auch hier kann ich kann grobschlächtig drei Hauptkategorien ausmachen:

  • DIE BESORGTE HAUSFRAU UND MUTTER
  • DIE SICH SELBST BEWEIHRÄUCHERNDE KARRIEREFRAU und die
  • IN WOLLSOCKEN UND NORWEGER GEWANDETE ÖKOTUSSI, MIT SOZIALEM BUWUSSTSEIN

Kaum zu sagen, welcher der sechs Typen am schlimmsten zu ertragen ist.
Sicher ist, dass einen gelegentlich das Gefühl überfällt, in einer Comdeyshow zu sitzen, bei der das Publikum der Hauptact des Abends, und die Moderatoren die staunenden und interaktiv mit einbezogenen Zuschauer sind.

So ein Abend war gestern und ich muss sagen: meine Erwartungen und Befürchtungen wurden nicht enttäuscht.
Sie waren alle da, so als hätte man ihnen Freibier versprochen dafür, dass sie das Festzelt auf dem heimischen Schützenplatz unterhalten.

Es kam zu tumultartigen Zuständen, weil der Klugscheißer, der Possenreißer und der feine Pinkel sich permanent ins Wort fielen und sich entweder in der Formulierung der absonderlichsten Thesen gegenseitig überboten, oder mit kleinen polemischen Spitzen versuchten, die Aussage des anderen ins Lächerliche zu ziehen.

Erwähnte ich schon, was noch schlimmmer ist als zwei oder drei der Männertypen in Personalunion? Nein?

Wenn alle drei Typen in Reinkkultur auftreten und am Tag zuvor eine private Niederlage, oder einen geschäftlichen Rückschlag zu verkraften hatten.
Dann wollen sie sich nämlich am Abend das Selbstvertrauen wieder aufbauen, das am Tage gelitten hat, und gebärden sich wie wildgewordene Auerhähne auf der Balz nach dem Weibchen mit den dicksten Schenkeln…

Gelegentlich, und nur wenn die Männer mal eine Atempause machen müssen, (so ähnlich wie dicke Wale, die auch von Zeit zu Zeit aus ihrem Primärelement auftauchen müssen, um ihre Lungen wieder mit Luft zu füllen), melden sich die Frauen zu Wort.

Der Typ „besorgte Hausfrau und Mutter“ stellt gelegentlich Fragen, deren Zusammenhang mit dem Thema des abends nur zu erahnen ist, während die „sich selbst beweihräuchernde Karrierefrau“ mit jeder Äußerung raushängen lässt, dass die Schule sich doch bitte ihrem modernen und progressiven Lebenstil als Powerfrau anzupassen hat, und dass nicht sie Rücksicht nehmen muss auf die Vielfalt der schulischen Aufgaben vor dem Hintergrund gravierender sozialer Unterschiede in der Schülerschaft.

Der dritte Typ „in Wollsocken und Norweger usw…“ sagt erstmal nichts.
Kaum dass sie den Mund öffnet, beschleicht einen das Gefühl, sie würde sich danach erkundigen wollen, ob es in der Schule auch eine Ecke gibt, wo die Schüler legal Cannabis konsumieren dürfen.
Tatsächlich konfrontiert sie einen dann aber doch nur mit den neuesten sozialwisschenschaftlichen und psychologischen Studien zur pubertären Entwicklung sozialschwacher Kinder.

TOTAAAAAAL SPANNEND –

Zum Glück dürfen die Frauen nicht lange reden, weil ihnen die Streithammel von eben das Wort abschneiden, um ihren Kampf um den Preis für den “Am schönsten geschwollenen Hahnenkamm des Abends“ wieder aufzunehmen.
Und überhaupt gehören Frauen an den Herd und nicht in eine Diskussion – das ist widernatürlich. (Das sagen sie zwar nicht, aber es trieft wie altes Frittenfett zwischen ihren Worten heraus…)

Ganz zum Schluss, als die Wogen schon geglättet und die Flut profilneurotisch zu erklärender Worthülsen abgeebbt zu sein scheinen, meldet sich der Totengräber jeder Diskussion zu Wort:

  • DIE LANGATMIGE, WEIT AUSHOLENDE UND JEDEN ASPEKT DES THEMAS AUFS GENAUESTE BELEUCHTENDE LABERTASCHE

Ihre Sätze beginnen meist mit einer Konstruktion der Art:
„AAAAAAAAAALSOOOOOOOO…“

Leider legte mir meine Exfrau beschwichtigend ihre Hand auf den Unterarm, fiel mir ins Wort und meinte: “Lass mal gut sein - wir kriegen doch gleich ein Informationsblatt auf dem alles steht…”

Midlife Crisis

schoenmachzeug

Ich liebe es, mein Eheweib,
und auch ihren vollen Leib,
Na ja, zumindest im Prinzip,
find ich sie schön und hab sie lieb.

Hat um die Augen ein paar Falten,
und ihr BH muss besser halten,
denn ihre Brüste sind jetzt schlaffer,
und auch die Haut war schonmal straffer.

Ihr Haar ist heute etwas grau,
und rundlicher ihr Körperbau,
und wo’s der Haut an Glätte fehlt,
wird halt gecremt und auch gegelt.

Der Po, na ja, ist nicht mehr rund,
und die paar Runzeln um den Mund,
sowie am Lid die Krähenfüße
betonen eher ihre Süße.

Mit sündhaft teuren Wundermitteln,
die meist sehr schwierig sich betiteln,
bekämpft sie die Orangenhaut,
die sich an ihren Schenkeln staut.

Ich als Mann hab’s da viel besser
muss nicht zum Schönsein unters Messer,
weil Du als Mann, was sicher ist,
ohne Bauch ein Krüppel bist.

Die grauen Schläfen wie bekannt,
sind männlich und zudem markant,
und fehlt es mal an rechter Steife,
gleicht man das aus mit Charme und Reife.

Das Schnarchen nachts im Ehebett,
klingt nicht so schön und so adrett,
doch ist’s wie meine Stinkefüße
wohl kein Problem für meine Süße,

die wenn sie’s Bad poliert und wischt,
mein Haupthaar aus der Wanne fischt,
das langsam, was mich traurig stimmt,
Reißaus von meiner Kopfhaut nimmt.

Doch hab als Mann, wie ich wohl weiß,
gegen manch Raubbau und Verschleiß,
ein Mittel, das die Schmerzen lindert,
und den Frust des Alterns lindert.

So parallel für nebenbei,
zu meinem Eheeinerlei,
such ich mir ‘nen jungen Hüpfer,
mit drallem Po und knappem Schlüpfer.

Die wirkt dann wie Erotikdünger
und macht mich um Jahre jünger.
Sie kümmert sich um die Bewegung,
und’s Weib zuhaus um die Verpflegung.

Doch was ist das, ein scharfer Stich,
durchrast die Brust, ich fürchte mich.
Mein Herz, es krampft und zuckt gefährlich,
pulst nicht nach Plan heiß und begehrlich,

sondern scheint wie wild zu hetzen
und manchmal einfach auszusetzen.
Ich wünschte meine Frau wär da,
um mich zu retten - aaaaahhhh…

Der Schnarchkönig…

schnarch

Was schnarchst Du so laut bei Nacht und Wind? -
Es sind die Rachenmuskeln, die schwächlich sind. -
Dreh Dich zur Seite auf Deinen Arm -
Ach Frau dann stört Dich die Luft aus meinem Darm. -

Geliebter, stört es Dich selber nicht? -
Kaum mehr, als abends Dein Leselicht. -
Dein Sägen macht mich museumsreif -
Und mir wird auf der Seite der Nacken steif. -

Jetzt dreh Dich bitte doch weg von mir. -
Ein Küsschen zur Nacht noch, schenk ich Dir. -
Ob’s ruhig jetzt wird, da ich bin gespannt. -
Wenn nicht, so hau mit der flachen Hand… -

Dann tu ich Dir weh - und das will ich nicht. -
Dann bleibt er wohl ewig, der Grund für’s Gedicht. -
Ich glaub, dass zu lang wir verheiratet sind. -
Was ich mitunter genauso empfind… -

So musst Du wohl aus dem Zimmer gehn! -
Ich hab es befürchtet und kommen sehn. -
Was könnte ‘ne andere Lösung sein? -
Zieh DU in den Keller und lass mich hier sein! -

Mein Mann, Mein Mann, welch böses Wort,
erst schnarchst Du mich voll, dann schickst Du mich fort? -
Mir bleibt keine Wahl für Dich liebe Frau,
ich bin hier der Hausherr, das weißt Du genau. -

Der Mangel an Schlaf, er macht mich schnell alt. -
Jetzt schweig endlich Frau, sonst mach ich Dich kalt. -
Mein Mann, oh Gott, wie fasst Du mich an?
Ich helfe Dir jetzt, so gut ich es kann. -

Die Frau sie stöhnt, ihr Blut rötlich rinnt,
weil ihm die Nerven glatt durchgebrannt sind.
So schnarcht er friedlich im Morgenrot,
an seiner Seite die Frau ist tot…

altertuemchen“Was willst DU denn auf einer Ü30-Party?” musste ich mich letztlich fragen lassen, als ich meiner Freundin Mitteilung von der Idee meines besten Freundes machte, wie der letzte Samstag rein männerfreundschaftstechnisch zu begehen sei.

Nun muss man wissen: ich bin 44 und erfülle damit zumindest die von den Ausrichtern geforderte Grundbedingung zum Besuch eines solchen profilneurotischen, weil vorwiegend marktwertbestimmenden Großereignisses - doch fand ich es irgendwie klüger, ihre nicht ganz ausschließlich rhetorisch gemeinte Frage auf das vermutlich übergroße Angebot paarungswilliger und mehr oder minder alleinstehender Frauen zurückzuführen, statt es als einen Hinweis auf meine doch schon erheblich fortgeschrittene Zahl an Lenzen zu schieben.

Natürlich weiß ich noch aus Zeiten, in denen mich vor dem Verlassen des Hauses keine langwierigen Dehnübungen und der vorbeugende Genuss elektrolythaltiger Speisen und Getränke vom größtmöglichen Einsatz bei der Körperpflege abgehalten haben, dass die beste Gelegenheit für einen annähernd Vierzigjährigen, eine Frau von Mitte 20 in die heimische Bettstatt zu manövrieren eben eine jener Parties zur Unterhaltung angehender geriatrischer Problemfälle ist, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem vertrocknenden Humus des gelangweilten Mittelalters geschossen sind;
und so schienen mir ihre Einwände natürlich nur allzu verständlich…

Beim späteren Blick in den Spiegel im heimischen Badezimmer überfielen mich dann jedoch zuerst leise, dann sich aber immer drängender gebärdende Zweifel -

Ich musste zugeben, der Zahn der Zeit hat das Seine an mir vollbracht:

Mit Mitte 40 fühlt man sich ja so ein bisschen, wie ein Kicker in der achzigsten Minute im großen Fußballspiel des Lebens, von dem der große Sportreporter im Himmel sagt: “Es ist Zeit für ein erstes Fazit.”, und hat das fast sichere Gefühl, als wollte das johlende Publikum das einem eigene, schon nah gefühlte Karriereende früher herbeiskandieren, als man es selber wahrhaben will…

Mein Körper gemahnt weniger an die vier Marathons, durch die ich mich quälte, als an die Menge Muffins, Margarine und Mascarpone, die ich mit den Jahren durch meinen Stoffwechsel geschleust habe…

Die optische Fülle meines Kopfbewuches ist eher einem allmorgendlichen hochfiligranen Legespiel zu verdanken, denn einem jugendlichen Überfluss an willigen Kappillaren und den sie steuernden männlichen Hormonen…

Mein Herz überschlägt sich schon beim Befüllen einer Kaffeetasse in einem wirbelnden Stakkato rhythmusgestörter Hyperaktivität, den ich in früheren Jahren auch unter intensivsten Trainingsanstrengungen nicht herbeizuführen vermochte…

Magen und Darm sind in einem derart bedauernswerten Zustand, dass mir Averna, Ramazotti und Fernet Branca wie die letzten mir noch als wirksam bekannten Ballaststoffe vorkommen…

…und erotisch bilde ich mir ein, höhere Ebenen der eigenen Lust durch eine reifebedingt gesteigerte Genussfähigkeit zu erreichen, und die Lust des Gegenübers durch ein Mehr erfahrungsbegründeter tantragleicher sexueller Kniffe zu steigern - wo sich doch eigentlich die erlahmende Potenz als verzweifelte und vermutlich gänzlich unbegründete Altershybris maskiert…

Doch um mich noch einmal dem Haarwuchs, als dem schlechthinnigen Muster männlicher Verfallserscheinung zu nähern:

Beim kritischen Blick in den Spiegel fällt mir auf, dass mein Haarwuchs an all jenen Stellen neue Rekordmarken erreicht, die eben nicht unbedingt von samsongleicher Männlichkeit zeugen, während er in den für das eigene Selbstbild so wichtigen Arealen (jenseits der zu buschigen Raupen mutierten Augenbrauen) vielerlei Grund für mannigfaltige Frustration liefert, weil dort die Haarwurzeln ein vergebliches Rückzugsgefecht gegen die verebbende Versorgung aus der mit den Jahren geschwächten Epidermis des Kopfes kämpfen…

Ein einziges graues Haar in einem meiner polypenverengten Nasenlöcher überzeugt mich dann endgültig von der Entscheidung, vom Besuch der eingangs erwähnten Volksbelustigung Abstand zu nehmen.

Wie kann ich sicher sein, nicht auf dem Höhepunkt der abendlichen prägeriatrischen Balz plötzlich von einer dieser unvermeidbaren Geißeln des Alters kompromittiert zu werden?

Und möchte ich wirklich meinen im Freudeskreis legendären, leichtlockeren und überaus eloquenten Flirtstil gegen ein angestrengt anmutendes Verkaufsgespräch tauschen, in dem der unredliche Verkäufer die wenigen Vorzüge des Produktes preist, während er den Überhang an Gegenargumenten für den Kauf geflissentlich unter den Teppich kehrt, nur um auf Teufel komm raus zum Abschluss zu kommen?

Eindeutig nein - da bewahre ich mir lieber unter mangelndem Aufweis des Gegenteiles den Nimbus vergangener Tage und geselle mich abends zu meiner Freundin aufs gemütliche heimische Sofa.

Es läuft eine interessante Reportage über die Tierwelt Afrikas und noch bevor ich schwerlidrig in das allabendliche Wachkoma falle höre ich sie verliebt flöten: “Schatz, hör mal die Flusspferde… Fast so wie Du, wenn du nachts an meiner Seite liegst…”

 Ich muss mal ein bisschen auf die Niveaubremse treten. ;-)

Was darf man seiner schlanken Freundin nicht sagen?
“Ich würde gern ‘ne Runde vögeln…”

Und was führt bei  einer molligen Partnerin zu Irritationen?
“Ich würde Dich schlankweg heiraten (schlank wegheiraten…).” :-)

Typisch Frau, typisch Mann…

rodinDas ist sicher eine gaaanz gefährliche Kategorie…

Das Zweitschlimmste, das man als Mann über eine Frau schreiben kann ist bekanntermaßen Unwahres (das dürfen eher die Geschlechtsgenossinnen tratschen - da ist man es ja eh gewohnt…), das unverzeihlich Allerschlimmste bleibt aber die nackte unverstellte Wahrheit.
Sie führt unweigerlich in die nächste Beziehungskrise, die man dann nur wieder mittels einer schönwetterevozierenden Notlüge über ihre neue Frisur wieder in den Griff bekommt.

Bei der Wahrheit über Männer verhält sich das anders - da läuft man permanent Gefahr, als Kameradenverräter abgestempelt zu werden, der dolchstoßlegendengleich streng gehütete Geheimnisse der männlichen Existenz, und damit die letzen Bastionen und Refugien dieses bemitleidenswerten Geschlechtes preisgibt…

Ich freue mich schon auf diesen Tanz am Kraterrand der politischen Korrektheit… ;-)

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