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Guten Tag,

mit großem Interesse verfolge ich derzeit die politische Diskussion um das Verbot sogenannter “Killerspiele” und bin doch echt bestürzt über den von der Politik offenbar gewollten Eingriff in die Persönlichkeitsrechte erwachsener Bürger.

Da sollen Computerspiele unter, zumindest z.Zt. noch, ziemlich diffusen Kriterien in “gute” und “böse” Spiele unterteilt werden und deren Hersteller, Käufer, Weiterverkäufer und Nutzer kriminalisiert werden.

Ich halte das für sehr bedenklich.

Ich selbst habe vor über 20 Jahren den Kriegsdienst verweigert und habe meine Haltung durch das Spielen auch aggressiverer Spiele in keiner Weise geändert.
Im Gegenteil, ich bin und bleibe ein Gegner von Gewalt - was iÜ auch soldatische Gewalt in sogenannten “Friedensmissonen” angeht, für die unschuldige, junge Menschen faktisch in Kriegsgebiete geschickt werden.

Ich muss Ihnen mitteilen, dass ich das von der Politik propagierte Verbot von Computerspielen im Hinblick auf ein deutliches Verlangen nach sog. “robusten Mandaten” für die Bundeswehr in Krisengebieten für einen ziemlichen Hohn halte.

Meine PC-Soldaten sind rein virtuell und in meinen Kämpfen sterben Polygonkreaturen und es fließt Pixelblut - wie sieht es bei der Politik aus?
Können Sie nach dem Tod von Soldaten in Afghanistan einen älteren Spielstand laden, die Köpfe der Gefallenen retten und das Leid und die Trauer ihrer Familien verhindern? Wohl kaum…

Für mich - ich bin ein 44-jähriger erwachsener Mann mit eigener Firma, einer Patchworkfamilie inkl. eines Sohnes, mit der dazu gehörigen Verantwortung - sind Computerspiele eine Abwechslung vom anstrengenden Alltag, moderne Geschicklichtkeitsübungen, bei denen ich offen gesagt ganz froh bin, mal wenig nachdenken zu müssen.
Dennoch kann ich mich sonntags wieder grübelnd an den Schachbrettern meines Vereines einfinden, ohne Aggressionen gegen meinen Opponenten zu fühlen.

Meine Schachfiguren kehren nach geschlagenem Kampf in ihre Holzkiste zurück - wie die Ihren auch, nur ist deren Holzkiste größer und das Spiel kann von Ihren Figuren nur einmal gespielt werden.

Das Problem der Politik ist das Folgende:
sie möchten eine gute Regelung über die Zugänglichkeit von Erwachsenenspielen, die nur schlecht kontrolliert wird und vielleicht auch kontrolliert werden kann, durch eine schlechte und ebenso schlecht kontrollierbare Regelung ersetzen durch die mündige Bürger in Ihren Freiheiten beschränkt und kriminalisiert werden.

Ich selbst habe im postapokalyptischen Scheidungskrieg meiner Lebensgefährtin das für das Sorgerecht zuständige Gericht schriftlich darauf hingewiesen, dass deren Kinder beim Vater Zugang zu PC-Spielen haben, die keine Jugendfreigabe besitzen.
Die Reaktion? Gleich null!

Und hier liegt der Hase im Pfeffer:
Einzelne handeln unverantwortlich, Behörden kommen ihren Kontrollpflichten nicht nach - sei es aus Bequemlichkeit oder Überlastung - und deshalb soll das Problem mal eben popularitätswirksam aus der Welt geschafft werden.

Und wieder werden Sie ein Gremium benötigen, das entscheidet, welche Spiele gut und böse sind, und wieder werden Sie ein bürokratisches Kontrollproblem haben - aber dafür vielleicht ein paar Stimmen mehr, welche die Politik erfolgreich von den wirklich dringenden ungelösten Problemen unserer Gesellschaft abgelenkt hat.

Das ist dann wie bei Robbespierre: der hat auch immer mehr Leute als Gegner der Revolution geköpft, damit die Bürger sich im Blutrausch nicht soviele Gedanken über den eigenen Hunger und die eigene Not machen mussten.

Das ist auch eine Art den sozialen Frieden zu wahren…

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Spiekermann

Bald ist es soweit.
Weihnachten steht vor der Tür und mit ihm Vorboten in Form leuchtender Kinderaugen, welche morgens die bunte Prospektvielfalt bestaunen, die kleine Kinderhände morgens aus der Tageszeitung geklaubt haben, noch bevor Papa auf dem WC einen Blick in dien Sportteil werfen konnte.

Wir haben unseren Jungen gebeten, seinen Wunschzettel frühzeitig bereitzuhalten, damit das Christkind sich nicht wieder mit überfüllten Parkplätzen und wild drängelnden “Lastminit-Käufern” auf der Rolltreppe rumschlagen muss - vor allem Männer auf der Jagd nach dem ultimativen Geschenk, mit dem man alle Fehler des Jahres auf einen Schlag wieder gutmachen kann.

Dieses Jahr darf er sich was Besonderes wünschen haben wir ihm eröffnet. Das Christkind sei stolz auf ihn, weil er so ein guter Schüler ist.
Na ja, außer Englisch - da hat er ein paar Probleme, obwohl ich das gar nicht verstehen kann. Wenn man seinen Freunden und ihm so zuhört scheint alles in Ordnung zu sein mit seinen Fremdsprachenkenntnissen:

Da hört man von “Friesteil-Skätbording” , von “Äkschn-Gäms” für den “Kompjuter”, von “Pfeil-Schäring-Kleienz” mit denen man die neuesten “Bietz Daunloden” kann und letztlich hörte ich, wie er seinen besten Kumpel aufzog und ihn einen “Onlein-Tschankie” nannte.

An den Vokabeln kann es also nicht liegen. Es muss was mit der Grammatik zu tun haben. Nun gut; demnächst ist ja Elternsprechtag, und damit Gelegenheit seine Klassenlehrerin mal danach zu fragen.

Mein Englisch ist ja nicht so toll. Ich kann mich noch grob erinnern, dass “Pieß” Frieden heißt und dass eine “Pörsching” eine Rakete war.
Hat ja auch viel Spaß gemacht damals mit der Trillerpfeife bei Franz Josef Strauss - ein richtiges “Häppening” .
Ich wusste zwar nicht richtig worum es überhaupt ging, aber ich fand das lustig riechende Zeug so toll, von dem man so komische Gefühle bekam, wenn man es eingeatmet hat. “Doop” hieß es, glaube ich…

Aber ich schweife ab…

Gestern Abend war es soweit und unser Junge brachte uns seinen Wunschzettel:
“Hier is mei Wischlist.” grinste er, obwohl ich sicher war, dass er nicht notiert hatte, in welcher Zimmerreihenfolge er meiner Frau bei der wöchentlichen Bodenpflege zur Hand gehen wollte. Er ließ sie auf den Wohnzimmertisch gleiten, drückte ihr den Kuss auf die Wange, den er mir wie immer verweigerte, weil er Küsse zwischen Männern für “unkuhl” hält.

xboxWas stand denn da? Mal sehen…
Ich muss schon sagen - ich hatte Grund stolz zu sein auf meinen Jungen:
Obwohl er doch aus dem Vollen hätte schöpfen können, war er doch sehr bescheiden in seinen Ansprüchen.
Schön zu erfahren, dass meine väterliche Einflussnahme, vor allem im Hinblick auf die immer mehr um sich greifende Konsumsucht der Jugend, hin und wieder doch mal nicht wirkungslos verpufft, und zu einem Umdenken bei dem Jungen geführt hatte.

Als erstes wünschte er sich eine X-Box:
Wie schön, dass er sich etwas selbst Gebasteltes von seinem Vater wünscht. Ich lächelte glücklich und konnte mir meine Vorfreude im Hobbykeller schon vorstellen, wenn ich für ihn am “Disein” der ultimativen X-Box feilte.

notebookDann las ich meiner Frau vor:
“N-O-T-E-B-O-O-K” -
Da wusste ich gar nicht, was er meinte, aber meine Liebste konnte sich erinnern, dass “book” das englische Wort für “Buch” sei.
Ich liebe meine Frau sehr - wir haben uns damals beim “Gruppensechs gegen das Istäblischment” kennen und lieben gelernt.
Ja, ja: “Mäk Laaf not Wor!” war unsere Devise…

Wir haben dann besprochen, ihn aber zuerst mal zu fragen, welches Instrument er denn nun lernen wolle, was im übrigen ganz neue Töne von ihm sind -
bisher beschränkte sich seine Art Musik zu machen auf das Quälen seiner “Saundmeschin” und seines “Sappwufers” , oder wie das Ding heißen mag.
Es wäre ja unglücklich, Noten fürs Klavier zu kaufen, wenn er lieber Gitarre lernen wollte…

Der dritte Wunsch verwirrte mich ein wenig:
Bisher schien er ja nicht soviel auf sein Äußeres Wert zu legen, aber jetzt wünscht er sich einen - uups, da war dem Jungen aber ein übler Rechtschreibfehler passiert:
wenn er schon zukünftig ein bisschen mehr auf seine Frisur achten wollte, so sollte er das entsprechende Gerät schon richtig schreiben: mit “k” und zwei “m”.
“Digi” ist wahrscheinlich der Name einer Frisur, die nach einer der “Bänds” benannt ist, deren Krach immer aus seinem “Sappwufer” dröhnt.
Ich muss morgen unbedingt mal Willi, meinen Frisör, oder “Här-Steilist”, wie er sich lieber nennt, anrufen und nach dem neuen “Tränt” fragen.

Kurz bevor er dann zu Bett gehen musste, kam der Junge nochmals ins Wohnzimmer gestürmt und teilte uns mit, dass er noch einen großen Wunsch hätte:
Jetzt war ich baff - nie hatte er Lust sich am Haushalt zu beteiligen, und sogar zum Müll raustragen musste man ihn wortreich überreden.
Doch jetzt wollte er schon morgens bei der Zubereitung des Frühstücks helfen.

eipottWie schön, dass unsere Erziehung endlich fruchtet, und wie lieb und bescheiden der Junge geworden ist. Ich fragte mich nur, warum er unbedingt einen Topf für die Frühstückseier haben wollte, wo wir doch über so einen praktischen Eierkocher verfügen.
Nun gut, wenn er unbedingt will, soll er seinen “Ei-Pott” bekommen - er ist ja so ein guter Junge.

Aber weil ich so stolz auf ihn bin, kaufe ich ihm einen “Empi-drei-Pläer”, damit er seine “daungelodeten Bietz” auch “onserot” hören kann - den hat er sich redlich verdient.

Der Junge wird vielleicht Augen machen

kindwaffeEin Aufschrei geht durch’s Land und verurteilt das Verhalten deutscher Soldaten - aber so einfach ist das nicht…

Moralisieren ist aber der falsche Ansatz.
Da werden junge Männer - teilweise unfertige Menschen - in Situationen versetzt, denen sie nicht gewachsen sein können.

Dazu kommt ein Gruppendruck, dem man sich nicht ohne Repression entziehen kann.

Schuld an solchen Vorfällen sind erstmal immer die, die durch Krieg solche Einsätze erforderlich machen und auch diejenigen, die solche Einsätze (moralisch vertretbar oder nicht) befehlen.

Herr Jung wird von seinem Sessel in Berlin aus sicher nicht den seelischen Druck haben, dem unsere Soldaten in Afghanistan ausgesetzt sind, und wir Sofazapper zuhause schon gar nicht.

Kriegssituationen wirken immer und notwendig “dehumanisierend”, und es ist fast zuviel verlangt, dass ein junger Mann, der jeden Tag mit dem Tod konfrontiert ist, sich in jeder Situation als Musterbild moralischer Werte präsentiert.

Da bauen sich Drücke auf, die wir nicht erahnen können, wenn wir uns hier über drei Prozent mehr Mwst und die Gesundheitsreform aufregen.

Da wird diskutiert, ob man den Soldaten Prostituierte schicken sollte, aber für eine anständige psychlogische Betreuung ist nicht gesorgt.

Und da sage mir keiner, dass ein Seelsorger den Jungs helfen kann. Diejenigen, die für dessen Worte ein offenes Ohr haben, sind nicht unbedingt als Zeitsoldaten im Schatten des Hindukusch zu finden.

Ich habe vor 25 Jahren den Kriegsdienst verweigert weil ich der Meinung war, dass man in der Armee, wenn sie funktionieren soll, letztlich das Recht moralischer Entscheidungen in die Hände von Vorgesetzten legen muss, und dass man damit rechnen kann, Dinge tun zu müssen, die sich vor dem eigenen Gewissen nicht verantworten lassen.

Um zu beurteilen, zu was selbst (gemessen an Afghanistan) geringer Stress führen kann, muss man noch nicht mal Unfallhelfer heranziehen, die nach Flugzeugabstürzen psychologische Hilfe benötigen.
Da genügt schon der Reiseleiter, der von 30 wütenden Kunden bearbeitet wird, weil das Hotel überbucht ist…

Man überlege einmal, wie kühl Mediziner auf Krebsstationen sein müssen, damit sie erstens überhaupt noch in der Lage sind ihre Arbeit zu tun, und damit sie zweitens diesen Stress seelisch halbwegs schadlos überstehen können.

Es hat sich was Luft gemacht bei den Soldaten, sich einen Weg gebahnt aus den Seelen der Kerle nach draußen.

Natürlich ist das falsch und natürlich muss das Konsequenzen haben. Aber es ist grundverkehrt, dass jetzt die Seniorenriege von Politik und Militär diese Soldaten aburteilt. Die können jeden Abend nach Hause zu ihren Familien und ein Fliegenschiss auf der Windschutzscheibe ist eine der größeren Katastrophen, die ihnen widerfahren können.

Allerdings fürchte ich, die Staatsräson wird Opfer fordern, allein schon um die arabische Welt zu beruhigen, und dieses Opfer wird nicht unser Verteidigungsminister sein, dem die bösen Jungs am Hindukusch den Spaß am und den Stolz auf’s neue Weißbuch der Bundeswehr verdorben haben…

Und - eine letze Bemerkung:
Ich glaube nicht, dass 19jährige Burschen, die sich zum Dienst bei der Bundeswehr verpflichten, in einer Männergesellschaft, die auf Befehl und Gehorsam basiert, wirklich erwachsen werden und moralisch reifen können, ohne dass ihnen eine Hilfe jenseits der Gehorsamsstruktur der Armee zuteil wird.

Es ist wichtiger nach Lösungen zu suchen, als die Volksseele durch Bauernopfer und durch zur Schau getragene kollektive Abscheu zu beruhigen…

Wenn wir die Menschen um uns herum betrachten, wie sie in schwierigen Zeiten versuchen ihr Leben zu organisieren, und sich einen Pfad durch das Dickicht wirtschaftlicher und existentieller Ängste und Gefahren zu bahnen, so stellen wir gelegentlich fest, dass sie sich außerhalb der hektischen Besorgung alltäglicher Geschäfte zu einer Reise aufgemacht haben.

Irgendwann, frustiert vom Anreiten gegen die täglichen Windmühlen, haben sie innerlich ihr Bündlein geschnürt und sich auf den Weg gemacht in eine neue, verheißungsvolle Heimat - das Land des Konjunktivs.

Wenn man diese Reisenden antrifft und mit ihnen spricht, so vernimmt man einen Hang zu den für den Konjunktiv bezeichenden Vokabeln “könnte”, “sollte” und “würde”, bzw. wortreichen Ersetzungen derselben, die dann wiederum oft einen sich selbst entschuldigenden Beiklang haben -
eine Entschuldigung dafür, dass man meint, dem Konjunktiv aus ach so vielen persönlichen und fremdbestimmenden Gründen nicht entgehen zu können.

In einer globalisierten und von Ellbogen dominierten Welt wird es zunehmend schwieriger sich selbst kleine Träume zu erfüllen und existentiell drängende Vorsätze in die Tat umzusetzen.

piccaAndererseits besteht eine große Gefahr unserer bunten Glitzerwelt des Konsums und des lauthals vernehmbaren Werbegeschreies der Konzerne darin, dass uns alltäglich Träume in die Köpfe manipuliert werden, die für den größten Teil der Menschen unerreichbar sind, und die jene, die sich die Bewahrheitung eines solchen Trugbildes unter Anstrengungen ermöglichen können, seltsam leer lassen, und die keinesfalls die Erfüllung bieten, die uns vorher durch den multimedialen Overkill in Aussicht gestellt worden ist.

Beide Gruppen verbindet die unerfüllte Hatz auf das, was sie fälschlich für traumhaft und erstebenswert halten, eine Jagd auf Chimären, die sich Konzerne und falsche Propheten wiederum zunutze machen, um sich an den durch ihr Leben irrenden Menschen weiter bereichern zu können.

Und so flüchten sich die Unzufriedenen in eine Welt des “Vielleicht”, der hochtrabenden, und Linderung von Hektik und Stress versprechenden Ziele, von denen sie aber weiter entfernt sind als unser Erdball von Alpha Centauri.

Sie sagen:” Ich müsste dringend etwas ändern”, oder wiederholen gebetsmühlenartig ihr tägliches “Ich würde mir einen Traum erfüllen, wenn nicht die Umstände so gegen mich wären.”
Das “sollte” und “wäre”, das “könnte”, “müsste” und “würde” werden zur nichtssagenden Terminologie ihrer Existenz, die sich augenscheinlich nur noch im schalen Dämmertraum von einer besseren Welt ertragen lässt.

blochDer helle, in der Realität fußende und uns wach für die wahrhaft wertvollen Möglichkeiten des Seins machende Tagtraum aus Ernst Blochs “Das Prinzip Hoffnung”, und die gesellschaftlich gestalterische Kraft seines Begriffes der “konkreten Utopie” haben keine Chance gegen das flache Verlangen nach Zerstreuung und Erlösung aus dem Jammertal der wirtschaftlichen Angst und der existentiellen Frustration.

Manchmal spielt der Konjunktiv ein sich verstellendes Versteckspiel mit uns und kleidet sich in das Gewand strengerer Vokabeln -
ein “ich würde” mutiert verbal zu einem “ich werde” und ein “ich müsste” zum moralisch stärkeren, weil keinen Widerspruch zu dulden scheinenden Appell, obwohl tiefinnerlich das resignative Gefühl schon längst oder immer noch die Oberhand hat.

Den größten Schritt ab vom Weg zum wahren Glück machen diejenigen, bei denen der Konjunktiv einer der Vergangenheit und keiner der unbestimmten Zukunft ist.
Für sie wird das “Weißt Du noch als wir…” und “Wenn ich noch einmal jung wäre…” zum Credo ihres durch den gesellschaftlichen Massendruck als verdorben empfundenen Lebens, und sie berauben sich gänzlich einer Veränderung des zwar als übermächtig gefühlten, aber immerhin noch formbaren “Was da kommen mag”.

So streben wir nach Zielen, die keine sind und jagen nach dem Haben, weil wir den Wert des Seins und des Ruhens in uns selbst vergessen zu haben scheinen.

Das größte Verbrechen begehen wir an unseren Kindern, die ebenso schon vom Virus der “Generation Statussymbol” infiziert sind.
Da wo wir als Kinder aus bunten Legoquadern die wunderbarsten Kunstwerke schufen, benötigen unsere Kinder heute einen 200-Euro Bausatz, der sich ohne eine buchdicke Bauanleitug nicht in etwas Vorzeigbares verwandeln lässt.
Ihre Wünsche sind bereits vom Statusdenken und nicht mehr von den Grundbedürfnbissen des Kindseins gesteuert, und es ist unsere Aufgabe, ihnen das zurückzuschenken, was wir verloren haben und ihnen aus diesem Grund nicht geben konnten.

Doch manchmal hören auch wir leise den Ruf unserer verschütten Kindheitsträume - Träume, die uns Glück verhießen und Fröhlichkeit versprachen - Träume, die kein Geld benötigten, um realisiert zu werden, die in den kleinen Dingen lagen, der Freude am Spiel, der Freundschaft und Liebe und in der Kreativität und der Phantasie.

Es kommt darauf an, dass wir diesen Stimmen wieder Gehör verschaffen und ihr Versprechen zu leben versuchen, weg von den Dingen, hin zu seelischen Werten, die auf ein Glück jenseits einer durch den Konsum stimulierten fragwürdigen Zufriedenheit hoffen lassen.

Dazu gibt es keine Alternative, und es dürfen keine ausweichenden Ausreden ins Feld geführt werden.
Hier muss das unbedingte “Du bist, was Du tust!” des Existentialismus gelten, damit wir einen Weg aus den uns aufgezwungenen Irrgärten des Glücks finden, und damit wir endlich aufhören bis zum Ende als zweibeinige Absichtserklärungen vor uns hinzuleben…

“Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.”

- Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung -

altertuemchen“Was willst DU denn auf einer Ü30-Party?” musste ich mich letztlich fragen lassen, als ich meiner Freundin Mitteilung von der Idee meines besten Freundes machte, wie der letzte Samstag rein männerfreundschaftstechnisch zu begehen sei.

Nun muss man wissen: ich bin 44 und erfülle damit zumindest die von den Ausrichtern geforderte Grundbedingung zum Besuch eines solchen profilneurotischen, weil vorwiegend marktwertbestimmenden Großereignisses - doch fand ich es irgendwie klüger, ihre nicht ganz ausschließlich rhetorisch gemeinte Frage auf das vermutlich übergroße Angebot paarungswilliger und mehr oder minder alleinstehender Frauen zurückzuführen, statt es als einen Hinweis auf meine doch schon erheblich fortgeschrittene Zahl an Lenzen zu schieben.

Natürlich weiß ich noch aus Zeiten, in denen mich vor dem Verlassen des Hauses keine langwierigen Dehnübungen und der vorbeugende Genuss elektrolythaltiger Speisen und Getränke vom größtmöglichen Einsatz bei der Körperpflege abgehalten haben, dass die beste Gelegenheit für einen annähernd Vierzigjährigen, eine Frau von Mitte 20 in die heimische Bettstatt zu manövrieren eben eine jener Parties zur Unterhaltung angehender geriatrischer Problemfälle ist, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem vertrocknenden Humus des gelangweilten Mittelalters geschossen sind;
und so schienen mir ihre Einwände natürlich nur allzu verständlich…

Beim späteren Blick in den Spiegel im heimischen Badezimmer überfielen mich dann jedoch zuerst leise, dann sich aber immer drängender gebärdende Zweifel -

Ich musste zugeben, der Zahn der Zeit hat das Seine an mir vollbracht:

Mit Mitte 40 fühlt man sich ja so ein bisschen, wie ein Kicker in der achzigsten Minute im großen Fußballspiel des Lebens, von dem der große Sportreporter im Himmel sagt: “Es ist Zeit für ein erstes Fazit.”, und hat das fast sichere Gefühl, als wollte das johlende Publikum das einem eigene, schon nah gefühlte Karriereende früher herbeiskandieren, als man es selber wahrhaben will…

Mein Körper gemahnt weniger an die vier Marathons, durch die ich mich quälte, als an die Menge Muffins, Margarine und Mascarpone, die ich mit den Jahren durch meinen Stoffwechsel geschleust habe…

Die optische Fülle meines Kopfbewuches ist eher einem allmorgendlichen hochfiligranen Legespiel zu verdanken, denn einem jugendlichen Überfluss an willigen Kappillaren und den sie steuernden männlichen Hormonen…

Mein Herz überschlägt sich schon beim Befüllen einer Kaffeetasse in einem wirbelnden Stakkato rhythmusgestörter Hyperaktivität, den ich in früheren Jahren auch unter intensivsten Trainingsanstrengungen nicht herbeizuführen vermochte…

Magen und Darm sind in einem derart bedauernswerten Zustand, dass mir Averna, Ramazotti und Fernet Branca wie die letzten mir noch als wirksam bekannten Ballaststoffe vorkommen…

…und erotisch bilde ich mir ein, höhere Ebenen der eigenen Lust durch eine reifebedingt gesteigerte Genussfähigkeit zu erreichen, und die Lust des Gegenübers durch ein Mehr erfahrungsbegründeter tantragleicher sexueller Kniffe zu steigern - wo sich doch eigentlich die erlahmende Potenz als verzweifelte und vermutlich gänzlich unbegründete Altershybris maskiert…

Doch um mich noch einmal dem Haarwuchs, als dem schlechthinnigen Muster männlicher Verfallserscheinung zu nähern:

Beim kritischen Blick in den Spiegel fällt mir auf, dass mein Haarwuchs an all jenen Stellen neue Rekordmarken erreicht, die eben nicht unbedingt von samsongleicher Männlichkeit zeugen, während er in den für das eigene Selbstbild so wichtigen Arealen (jenseits der zu buschigen Raupen mutierten Augenbrauen) vielerlei Grund für mannigfaltige Frustration liefert, weil dort die Haarwurzeln ein vergebliches Rückzugsgefecht gegen die verebbende Versorgung aus der mit den Jahren geschwächten Epidermis des Kopfes kämpfen…

Ein einziges graues Haar in einem meiner polypenverengten Nasenlöcher überzeugt mich dann endgültig von der Entscheidung, vom Besuch der eingangs erwähnten Volksbelustigung Abstand zu nehmen.

Wie kann ich sicher sein, nicht auf dem Höhepunkt der abendlichen prägeriatrischen Balz plötzlich von einer dieser unvermeidbaren Geißeln des Alters kompromittiert zu werden?

Und möchte ich wirklich meinen im Freudeskreis legendären, leichtlockeren und überaus eloquenten Flirtstil gegen ein angestrengt anmutendes Verkaufsgespräch tauschen, in dem der unredliche Verkäufer die wenigen Vorzüge des Produktes preist, während er den Überhang an Gegenargumenten für den Kauf geflissentlich unter den Teppich kehrt, nur um auf Teufel komm raus zum Abschluss zu kommen?

Eindeutig nein - da bewahre ich mir lieber unter mangelndem Aufweis des Gegenteiles den Nimbus vergangener Tage und geselle mich abends zu meiner Freundin aufs gemütliche heimische Sofa.

Es läuft eine interessante Reportage über die Tierwelt Afrikas und noch bevor ich schwerlidrig in das allabendliche Wachkoma falle höre ich sie verliebt flöten: “Schatz, hör mal die Flusspferde… Fast so wie Du, wenn du nachts an meiner Seite liegst…”

goebbels“Ein neues Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst der Unterschicht…”

Es macht einen sonderbaren Sinn, zur Einleitung ein Zitat aus dem kommunistischen Manifest zu modifizieren, weil es zum einen den möglichen klassenkämpferischen Aspekt des neuen Modewortes “Unterschicht” betont, zum anderen aber eine Analogie zum “Gespenst des Kommunismus” insofern durchscheinen lässt, als der neue und zugleich doch so alte Begriff der Unterschicht ähnlich diffus und nebelhaft gebraucht und verstanden wird, wie der des Marxismus in seinen Anfängen.

Sprache ist ein ganz außergewöhnliches Werkzeug.
Sie kann ein filigraner, wohl nuancierter Pinselstrich in den Händen eines Meisters sein, aber zugleich auch über diverse Abstufungen zur Waffe in den Händen intelligenter und damit ungemein gefährlicher Agitatoren mutieren, bei denen das Zusammentreffen von Intelligenz, Sprachvermögen und Skrupellosigkeit eine kritische Masse der Manipulation ergibt, welche Gesellschaften zu untergraben und Regierungssysteme hinwegzuspülen vermag.

Setzt man sich mit diesem neuen Unwort einmal genauer auseinander, so muss auffallen, dass seine Anstößigkeit weniger im Begriff selbst, sondern vielmehr in dessen Gebrauch und dem Kontext geborgen ist, in dem dieses Wort verwendet wird.

In der begrifflichen Triole “Oberschicht-Mittelschicht-Unterschicht” hat es den einfachen Charakter einer begrifflichen Abgrenzung gesellschaftlicher Schichten und erscheint wenig abschreckend, zumal sich hier zunächst niemand persönlich angesprochen fühlen muss.

Wird es jedoch alleinstehend gebraucht, ohne das Gerüst der ihm verwandten Begriffe, so stellen sich plötzlich Assoziationen ein, die es z.B. mit dem Begriff des “Untermenschen” verbinden, und die ungute Folgen für die Debatte über das eigentliche Problem haben, in deren Verlauf dieses Wort überhaupt zu unnötiger und zweideutiger Berühmtheit gelangt ist.

Witzigerweise funktioniert eine analoge Triole zu der eingangs erwähnten ganz und gar nicht:
ein Übermensch ist etwas ganz anderes als das genaue Gegenteil des Untermenschen, und ein “Mittelmensch” existiert schon gar nicht und hat mit dem Ersatzbegriff des “Durschnittsmenschen” auch nur ein Surrogat, das sich in seiner Betonung erheblich von einer Begriffsverwandschaft zum Untermenschen distanziert.

In der Debatte über dieses neue Unwort, welches unter dem Deckmantel vermeintlich unverblümter Nennung von Ross und Reiter des offensichtlich nicht mehr wegzudiskutierenden Armutsproblems daherkommt werden wir alle das kollektive Opfer eines sprachlichen Trends unserer Zeit, nämlich der “Verschlagwortung” komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge.

Initiiert und beschleunigt durch den meistenteils unsäglichen sprachlichen Tenor der Boulevardjournaille, werden wir zum Opfer einer Reduzierung der Wurzeln unserer Meinungsbildung auf Parolen - was die latente Gefahr einer zunehmenden Verarmung unserer Sprache und damit unseres Denkens auf das Niveau totalitärer Regime in sich birgt.

Wir täten gut daran, unser Augenmerk mehr auf die sachlichen und um Objektivität bemühten Inhalte anspruchsvoller journalistischer Arbeit zu legen und sollten weniger dem bequemen Impuls nachgeben, der uns meinen lässt, dass das Überfliegen der größten Schlagzeilen am Kiosk auf unserem Arbeitsweg dazu angetan sein könnte unsere politische Meinungsbildung auf ein gesundes Fundament zu stellen.

Nur so können wir der schleichenden Gefahr entgehen, dass uns jene agitatorisch ausmanövrieren, die uns aus persönlicher Betroffenheit, weltverbesserlichem Übereifer, oder aus metallisch kaltem politischen Kalkül auf ihre Seite ziehen und instrumentalisieren wollen.

Denn wenn uns eines klar sein sollte, so ist es die Einsicht, dass kein politisch-soziales Ding in unserer modernen Gesellschaft von eindimensionaler Struktur ist.

Die diversen Facetten und Betrachtungswinkel eines solchen Dinges aus einer Bequemlichkeit des Denkens heraus auszublenden und zu ignorieren, macht den Menschen geistig arm und gefährdet die Gesellschaft weitaus mehr, als das gelegentliche Auf- und wieder Abtauchen von politischen Ex-und-Hopp-Begriffen, deren bedeutungstechnische Halbwertszeit schon alleine durch die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit und ihrer Nachrichtenwelt limitiert ist.

buga2Ich bin kein Autonarr, ganz und gar nicht.
Im Gegenteil - ich empfinde das Fahren, um von einem Punkt zum anderen zu gelangen als eher lästiges, aber häufig notwendiges und eigentlich langweiliges Übel.

Ich bin auch kein Fan von Technik in dem Sinne, dass mich die Geheimnisse der Ingenieurskunst auf physikalisch-formelhafter Ebene interessieren - aber ich bin ein erklärter Fan des menschlichen Geistes und dessen, was er zu schaffen und zu schöpfen in der Lage ist.

Das kann ein tiefsinniges philosophisches Buch, ein Meisterstück bildender Künste, oder wie hier ein technisches Wunderwerk in Form eines Traumautos sein: der Bugatti Veyron…

buga3Hier ein paar Rohdaten:

  • 16 Zylinder, 4 Turbolader
  • 7993 ccm Hubraum
  • 736 KW - 1001 PS
  • 0-100 km/h: 2,5 Sekunden
  • 0-200 km/h: 7,3 Sekunden
  • 0-300 km/h: 16,7 Sekunden
  • Max. Geschw.: 407 km/h

Das Ganze wird einem auf der Straße präsentiert zu einem Preis von 1 Mio. Euro (zzgl. Mwst.) und mit 6000 U/min bei einem maximalen Drehoment von 1250 Nm bei 2500 U/min (bei der letzten Angabe weiß ich gar nicht, was sie bedeutet - aber es hört sich beeindruckend an, nicht wahr…?)

Nun ist es aber mit solcherlei Autos wie mit den schönen Frauen in Film und Fernsehen:
sie nötigen uns ein hohes ästhetisches Urteil ab; wir empfinden ihre Zugehörigkeit zu einer besonderen Klasse naturaler, wie kultureller Schöpfung, aber sie lassen uns oft innerlich kühl, weil sie zu sehr einer platonischen Idee ähneln, zu sehr Modell für etwas zu sein scheinen, dass in seiner Einzigartigkeit jeglichen Realitätscharakters enthoben ist.

buga1Und so empfinde ich ein solches Automobil nicht als wirklich schön, weil Schönheit in meinen Augen auch real sein muss.
Traumautos und ebenso Traumfrauen (zumindest das, was man dafür hält) sind zwar real existent, aber mitunter nur Muster ohne praktischen Wert, so eine Art goldener Schnitt, der nur die Geschmäcker verdirbt und falsche Signale in die praktische Wirklichkeit des Menschen sendet.

Und so sollten wir Schönheit nicht nur nach ästhetischen Maximalmaßstäben messen, sondern als Gradmesser die Stärke heranziehen, mit der das betrachtetete Wesen uns innerlich erreicht und die Art und Weise, wie dessen innere Lebendigkeit die unsere befruchtet und motiviert.

Und schnell werden wir spüren, dass uns der vermeintlich maximale ästhetische Wert in sonderbarer Weise kalt lässt, dass er unseren Intellekt erreicht, welcher ein wohlfeiles Urteil fein kalkulierter Denktätigkeit liefert, aber dass in unserer Seele und unserem Spüren keine wirkliche Attraktion und Begeisterung spürbar wird.

buga4Die Beauties und Pseudomaßstäbe der multimedialen Ex und Hopp-Kultur sind hübsch ausstaffierte Schaufensterpuppen des Konsums und abschreckende Vogelscheuchen vorgegaukelter Sehnsüchte zugleich. Ihr Streben nach Perfektion, respektive dessen, was die Konsumpropheten uns als solche weismachen wollen, nimmt mitunter groteske Züge an, und sonderbarerweise lässt sich dieses quichotische Anrennen gegen die Windmühlen des Alters genauso vermarkten, wie ihre frühere faltenlose Präsenz im Rampenlicht.

Und so machen die Schönheiten der televisonären Überfrachtung gleich zweimal Karriere in den Gazetten: zuerst in der Blüte ihrer Jahre, zur Zeit ihrer künstlichen Überhöhung durch Journaille und Paparazzitum und dann, in eben den gleichen Medien, durch ihren Fall aus den unerreichbaren Sphären ihres ästhetischen Olymps in die Tiefen des ihre Schönheit vernichtenden Hades.

In gewisser Weise sehen wir sie an uns vorbei fallen - so als stürzten sie im Treppenhaus aus der obersten Etage des Hochhauses in den Keller, während wir Normalsterblichen fleißig und nimmermüde um jede Stufe des persönlichen Emporkommens und gegen jede Stufe des nahenden Abstieges ankämpfen.

Und so wandelt sich Bewunderung und Überhöhung in Schadenfreude und ein schales Gefühl von falsch empfundener Gerechtigkeit und später Genugtuung.
Es ist beruhigend zu sehen, wenn Götter fallen, denn in dem Maße, in dem sie im Fall dem Menschen ähnlicher werden, empfindet sich dieser ohne eigene Leistung näher an den Heroen des Olymp und kann den schönen Schein unbegründeter Hybris warm auf seiner irdisch-faltigen Haut genießen.

Dabei ist und bleibt er jedoch ein Abhängiger der ihm vorgegaukelten Scheinwelt, bleibt eine Marionette eben jener surrealer Ideale, die sein Leben bestimmen. Denn für jene, die fallen, folgen neue, die aufsteigen und die uns ebenso gefangen nehmen, wie die gestürzten Götter zuvor.

Diesem Teufelskreis und dieser Abhängigkeit lässt sich nur entgehen, wenn ein aufgeklärter Geist die Samstagabendshow mit der gegenseitigen Selbstbeweihräucherung der Schönen und Reichen als das begreift was es eigentlich ist: eine Fiktion, eine Flucht, eine Art Alkoholisierung mittels manipulierender bunter Bilder und ihrer vermeintlichen Beherrschung durch den Zauberstab der Moderne, den wir Fernbedienung nennen.

Und so ist die Frau, die ich liebe die schönste Frau der Welt für mich -
weil sich in ihr die Lebendigkeit und das Leben - auch das bereits gelebte - widerspiegelt, vor dem die Vogelscheuchenschaufensterpuppen eine solche Angst haben, dass sie sich mit Spritzen, Einlagen und allerlei chirurgische Tand zwar eine gewisse optische Zeitlosigkeit, aber zugleich einen Verlust an innerer Größe und ganzheitlicher menschlicher Schönheit einhandeln.

Nun schließe ich den Kreis zurück zum exemplarischen Automobil, genieße den Blick auf den Bugatti und schätze ihn als ein ganz besonderes Beispiel dessen, zu was der Mensch befähigt ist (wenn er sich nicht genötigt sieht, seine Potenz in den Dienst der Rüstungslobby zu stellen…).
Ich behalte aber meinen Blick auf die Realität und den praktischen Wert meines heimischen Pkw, der mich treu und wohlbehütet von A nach B transportiert.

Was mehr will ich von einem Auto verlangen…?

aufderstrasseDie Post verlagert “ein paar hundert” Stellen von Köln nach Leipzig, um dort den Ausbau ihre neuen DHL-Logistikzentrums voranzutreiben.

Dem Vernehmen nach werde der Abbau “sozialverträglich” (wenn das mal kein “Widerspruch in der Beifügung” ist…) erfolgen und die betroffenen Mitarbeiter erhielten “gute Abfindungen” (so eine Art Glück im Unglück…).

Nun will ich die Post selbst nicht kritisieren. Durch die Entscheidung für Leipzig als Ort ihres neuen Mammutprojektes schafft sie inklusive der ihr zuarbeitenden Unternehmen ca. 10.000 Stellen, für die auch ein Standort in Belgien durchaus in Frage gekommen wäre. Auch von dort, aus Brüssel und aus Berlin werden Stellen nach Leipzig transferiert -

Betrachtet man das aber aus Sicht der betroffenen Mitarbeiter, so bekommt das ganze ein üblen Beigeschmack:

Einer der wichtigsten Gründe der Deutschen Post für die Standortentscheidung war ein dickes Subventionspaket des Bundes aus dem Förderprogramm für die neuen Bundesländer in Höhe von 70 Millionen Euro, mit dem die Regierung der Post den neuen Standort wirtschaftlich schmackhaft gemacht hat.

Nun will ich auch die Politik nicht kritisieren, dass sie was für den Osten tut…

…aber die betroffenen Mitarbeiter aus Köln haben auch einen Teil der Subvention in den Steuersäckel gezahlt und jahrelang brav ihren Solidaritätszuschlag entrichtet - Gelder, die nun anteilig im Subventionskuchen der Deutschen Post mitverbacken werden.

So zahlen die rheinischen Postler vermutlich dreimal für die Entwicklung unserer wirtschaftlichen Diaspora:

  1. mit ihren Steuern
  2. mit ihrem Solidaritätszuschlag
  3. und fatalerweise mit ihrem Arbeitsplatz

Aber zum Glück gibt’s ja Hartz 4 - da können sie ich die Kohle sicher zurückholen…

wortmannsommermaer

Gestern abend habe ich mit einem Freund im Kino “Deutschland ein Sommermärchen” von Sönke Wortmann gesehen (wurde auch langsam Zeit…).

Ich muss sagen, der Film geht unter die Haut, auch weil er Einblicke erlaubt, die man sonst als unbedarfter Zuschauer der Ereignisse dieses Fussballsommers nicht mitbekommen hat.

Viele der mannschaftlichen Abläufe hatten natürlich eine Art Deja Vu- Charakter, wenn ich an meine eigene verhältnismäßig lange, aber ebenso verhältnismäßig erfolglose Karriere ;-) zurückdenke…

Im Bus gefeiert, rumgeflachst, mehr oder minder fruchtlos diskutiert wird in jeder Fussballmannschaft - gefeiert übrigens auch (oder eben gerade) wenn man keinen Erfolg hat.
Es war nur interessant zu sehen, wie fussballerisch und sportlich-menschlich “normal” es auch bei einer Fussballweltmeisterschaft (darf ich das Wort benutzen ohne die Copyrights von Herrn Blatter zu verletzen?) zugeht, und mitzuerleben, wer die Leitwölfe, die klugen Köpfe (sind nicht immer identisch…) und wer die Mitläufer und unersetzliche Wasserträger sind, die den Kitt zwischen den großen Protagonisten bilden - auf und neben dem Platz.

Mir wurde aber auch klar, warum Jürgen Klinsmann, und ich sage ganz bewusst, einer der Architekten des Erfolges, nach der WM gegangen ist und ich denke auch, dass er schon lange vorher diesen Schritt geplant haben muss.
So wie die Mannschaft vom Trainerstab auf den Punkt fit gemacht wurde, so hat er die Mannschaft auf den Punkt und bis in die Fussballstiefelspitzen motiviert.

Von seinem Einstieg beim DFB bis zum Halbfinale hat er jedes Spiel für die Mannschaft ein Spiel des Lebens sein lassen, hat sie mit starken, teilweise brachialen Verbalmethoden für jedes Spiel eingepeitscht und eingeschworen, ihnen vermittelt, dass es die Chance zur Teilnahme an einer WM im eigenen Land rein statistisch nur einmal gibt und dass man einen Gegner, der mit mit dem Rücken zu Wand steht für dieses Ziel eben auch mal durch die Wand durchtreten muss…

Ich will solche Sprüche, wie den letzten moralisch nicht kritisieren, obwohl man es könnte. Für mich war Fussball früher und ist Schach heute kein Krieg (was einer der Gründe dafür sein mag, dass ich mangels Aufrüstung im Vorfeld und kriegerischer Haltung im Vollzuge nicht zu wirklich höheren Weihen gelangt bin…).
Sicher ist, dass eine solche Motivation sich abnutzt, dass die Spieler von dem schier unbezwinglichen Berg, den sie vom Trainer getrieben am Ende (fast ganz, oder eben doch vollkommen) besiegt haben, am Ende des Turniers wieder heruntersteigen müssen und dass sie mit den selben Worten und Methoden da nie wieder hinaufkommen werden.

So wie dieses Turnier für jeden Spieler einmalig war, so war es dieses  Grossereignis einer Fußballerkarriere auch mental und emotional, und in gewisser Weise hat Klinsmann sich für die Jungs und das Ziel geopfert, weil er wissen musste, dass seine Art die Mannschaft zu führen zwar die Kraft einer Saturnrakete haben würde, dass diese aber am Ende ihrer Mission, nachdem alle Triebwerkstufen ausgebrannt und abgeworfen waren, ihre Aufgabe erfüllt, aber sich eben darin unwiderruflich verbraucht haben würde.

Man muss wegen dieses “Opfers” Klinsmann aber nicht zum altruistischen Heroen des deutschen Fußballs hochsterilisieren (Danke, Bruno…).
Dass er als eher suboptimaler Fußballer in technischer Hinsicht zu einem der besten Angreifer der Fussballgeschichte wurde, verdankt der Bäckersjunge aus dem Schwabenland nicht nur seinem unbändigen Willen, seiner angeborenen, aber auch hart antrainierten Dynamik, sondern auch seinem großen (auch positiven) Egoismus, gepaart mit der Fähigkeit sich immer wieder auf das nächste Ziel zu fokussieren.

So, wie er spielte, Puls immer auf 200, volle Pulle, wie ein aufgezogener hochenergetischer Brummkreisel am Deuserband seiner kleinbürgerlichen Herkunft, so trainierte er auch das Team -
und so, wie er seine Karriere beendete, ausgebrannt, die Nase voll von der Schinderei und Plackerei und alles endlich hinter sich lassen wollend, so hat er auch sein Traineramt niedergelegt.

Er hat wirklich für das Ziel alles gegeben, und sogar seinen Nimbus des semi-intellektuellen Sonnyboywunderstürmers auf dem Altar der medialen Transparenz geopfert, die sich bei einem solchen Ereignis nicht vermeiden lässt.
Wir sollten dankbar sein, dass er die Größe hat sich zurückzuziehen und nicht der Versuchung anheimfällt, sich hier im Lichte des Erfolges als Lichtgestalt des deutschen Fussballs von allen den Bauch pinseln zu lassen.

Dafür haben wir ja schon den Kaiser Franz und das weiß auch der Jürgen… ;-)

SchreibblockadeNach vier Tagen Blogerfahrung habe ich mir vorgenommen, heute unter einer Schreibblockade zu leiden, weil ich gelesen habe, dass sowas vorkommen kann und wissen wollte, wie sich so eine Kreativitätssperre anfühlt.
Ich bin extra früh aufgestanden und habe heute morgen schon früh um 05:30 Uhr begonnen, damit ich auch was davon habe - man hat ja schließlich nur zu selten Gelegeneheit neue und tiefgreifende subesoterische Erfahrungen zu sammeln.

Blöd war nur, dass ich den ganzen Vormittag damit beschäftigt war die neuen Buchungslinks in meine Reisebürowebseite einzufügen, so dass mir der existentielle Müßiggang fehlte, der es mir erlaubt hätte, meine selbst auferlegte schöpferische Stagnation zu genießen und dieses neue existentielle Grunderlebnis zu erfahren -
Also habe ich so eine Art Weblogfastenbrechen beschlossen und erkläre meinen schriftstellerischen Ramadan für beendet, kaum dass er richtig begonnen hat.

Was mir auffällt an der (oder in der…?) Blogsphäre ist, dass ganz viel übers Bloggen gebloggt wird und dass offenbar jene Weblogs den größten Zuspruch haben, die sich mit Tipps, Tricks und Zauberkunststückchen rumd ums Thema “Bloggen” auseinandersetzen, so als wäre die Jagd nach dem nächsten geilen Plugin und der verzweifelte Kampf um die Einhaltung des XHTML-Standards wichtiger, als das Schreiben selbst.     weiterlesen »

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