Femen-Aktion auf Sexmesse offenbar Schlag ins Wasser

Femen auf Sexmesse

(Gelsenkirchen) Scheinbar motiviert durch ihre öffentlichkeitswirksamen Aktionen im TV-Studio von Markus Lanz und dem Kölner Dom, kam es gestern zu einem Zwischenfall auf der Vulva 2014, der allmonatlich stattfindenden, größten Sexmesse des Ruhrgebiets.

Als Ordensschwestern vermummt stürmten fünf Angehörige der deutschen Femen eine zeitweilig verwaiste Bühne und protestierten gegen die zunehmende Diskriminierung der Missionarsstellung in der Pornoindustrie. Angelockt durch eine kleine Menge Zuschauer, die, unter einem lauthals skandierten „Aaausziiiehn!!!“, zum Ablegen der Habite aufforderten, versammelte sich innerhalb weniger Minuten eine größere, vornehmlich aus Männern bestehende, Menschentraube um die Bühne im hinteren Bereich der Messehalle.

Als die Femen der Aufforderung des Mobs schließlich nachkamen, verlor sich das Interesse jedoch schnell wieder. „Silikonfreie Brüste, kurze Fingernägel ohne French und Straßenköterblond ohne Extensions – das sind doch gar keine richtigen Frauen“, so ein junger Zuschauer, der mit seinem Schachclub Verklemmter Freibauer 1996 eigens zur Vulva aus Stralsund angereist war. „Und die Strips auf der Bühne habe ich mir auch geiler vorgestellt.“
Erst als einige der, meist angetrunkenen, Messebesucher wegen des ihrer Ansicht nach zweitklassigen Unterhaltungsprogramms den Eintritt zurückverlangten, ließ die Messeleitung die fünf Frauen unter dem Gejohle der verbliebenen Umstehenden von der Bühne entfernen.

Ralf Boeser-Schläger, örtlicher Leiter der Einsatzgruppe von Köttel Security: „Mir ist schleierhaft, wie die Fünf, ohne Eintritt zu zahlen, in die Halle gelangen und eine Bühne entern konnten. Offenbar hat unser Personal angenommen, es handele sich um eine Werbeaktion für Hinter Klostermauern wird georgelt.“ Schläger weiter: „Immerhin gewinnt der Streifen dieses Jahr den Goldenen Dödel von Schalke für das innovativste Konzept im erotischen Film 2013.“

Auf Anfrage der Weib-Redaktion ließ Frank Norbert Furter, Chef-Headhunter der deutschen Femen verlauten, dass es eine frauenfeindliche Schande sei, die Missionarsstellung in Pornos immer häufiger durch Positionen zu ersetzen, bei denen, so Furter, „die Frau, die ganze Arbeit fast allein zu erledigen habe.“ Dem weiblichen Geschlecht neben Hausarbeit, Kindererziehung und 40-Stunden-Job zusätzlich noch extrem anstrengende Sexualakte aufzunötigen, sei im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß, hieß es in einer weiteren Erklärung aus der Femen-Zentrale.

Silke Lilli Konrad, die operative Leiterin der Femen-Aktion am Samstagabend, wollte sich nicht weiter zur missglückten Aktion auf der Vulva äußern. Das sei allein Sache der Vereinsführung. Ihr sei aber klar geworden, dass es ohne Spenden aus der Bevölkerung unmöglich sei, alle Femen mit einer werbewirksamen Basisausstattung zu versehen. Konrad im Interview: „Seit das günstige Industrie-Silikon vom Markt ist und die zweitklassigen thailändischen Nagelstudios wegen anhaltend hoher Nachfrage Mondpreise verlangen, müssen wir immer häufiger unzureichend vorbereitetet Genossinnen zu kritischen Aktionen schicken.“ Da helfe auch das gegenseitige Verflechten von Pferdehaar vor den öffentlichen Auftritten wenig. Man werde halt zu sehr auf die Brüste reduziert und habe da offensichtlich zu wenig zu bieten.

Bis das nötige Kapital beisammen sei, werde man sich wesentlich auf Aktionen in christlichen Kirchen und islamischen Ländern konzentrieren, wo bereits die pure Zurschaustellung von naturbelassenen Brüsten an sich einen Affront gegen den Massengeschmack bedeute.

„Wenn die Femen schon nichts ändern können, so wollen sie doch wenigstens auf die Bildschirme und Titelseiten“, äußerte sich Konrad. Im Fernsehen gäbe es so viele Sänger ohne Stimme und Mimen ohne Schauspieltalent – da käme es auf ein paar Aktivistinnen ohne Wirkung und modernen Sex-Appeal auch nicht mehr an.

Bildquelle: Peter Smola  / pixelio.de

Kaffeefahrt ins Internet

Was schon Vergil seinen Lakoon sagen ließ: „Timeo Danaos et dona ferentes: Ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen“, sollte auch uns warnen: Kostenlose Angebote im Internet sind oft Danergeschenke mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen.

Lenin mit und ohne TrotzkiWir müssen uns doch sehr fragen, wie gerade wir Älteren, die wir die DDR noch kennen und noch etwas von Geschichte wissen – über Nazideutschland, Mussolinis Italien, Pinochets Chile, Baby Docs Haiti, Idi Amins Uganda (die Liste ließe sich endlos fortsetzen), uns der Beeinflussung durch das Internet aussetzen, als hätten wir nie davon gehört, wie gefilterte Informationen Menschen manipulieren können.

Im Augenblick kämpfen wir Individuen einen Kampf gegen Politik und Wirtschaft um frei verfügbare und, soweit möglich, objektive Information im Internet.
Wer das Internet beherrscht, bestimmt, welche Informationen wir erhalten, auf deren Basis wir unsere Meinungen bilden und unsere Überzeugungen entwickeln. In totalitären Staaten dominieren technische Zensurverfahren, in der freien Welt geschieht dies weitaus subtiler.

Hier regiert das „Prinzip kostenlos“ und funktioniert über verlockende Angebote, die unsere Matrix im Kopf so befüllen oder auch leeren, wie ihre Initiatoren es wünschen. Gleichzeitig werden wir verführt, teils intime Informationen über uns preiszugeben, von denen nur die Blauäugigsten annehmen können, dass wir „nur ein bisschen personalisierte Werbung, die keinem wehtut“ dafür erhalten.

Der Trick mit der Kaffeefahrt

Das funktioniert wie bei einer Kaffeefahrt und der Deal ist perfide: Während wir noch glauben, gegen ein paar Daten auf kostenlosem Weg bereichert zu werden, beutet man uns bereits aus und nutzt die gewonnene Information dazu, uns noch subtiler manipulieren und ausbeuten zu können. Hier handelt es sich um eine Spirale, in der das Individuum nur verlieren kann, obwohl es sich auf einer Gewinnerstraße wähnt. Die Kunst der Profiteure liegt einfach darin, die Ströme der User zu den Orten zu leiten, an denen ihre Werkzeuge greifen und die Nutzer von den Plätzen fernzuhalten, die freie Information möglich machen. Dabei ist unsere Abhängigkeit das Analoge zum abgelegenen Landgasthof, von dem man nicht mehr weg kann, bis auch die letzte Heizdecke an den letzten endlich weichgeklopften Gallier verhökert ist.

Machen wir es wie die Profis unter den Kaffeefahrtenfans: Die Leistungen der „digitalen Busunternehmen“ mitnehmen, unsere Kritikfähigkeit und Widerstandskraft aber zu bewahren – und vor allem: bei wichtigen Fragen mehrere sicher unabhängige Quellen zu bemühen. Genießen wir die Kommunikation, den digitalen Schinken und die anderen fadenscheinigen Geschenke – lassen aber „Powervital“, den „EnergieMeister“ und „Orthomagon“, die Wundermatratze links liegen.

Und wenn wir wirklich gute Information suchen, gehen wir zum Fachhändler unseres Vertrauens, statt sie unreflektiert von zwielichtigen fliegenden Ganoven als Ramsch an der Haustür zu kaufen.

Mut oder Tollkühnheit

Kaum eine Kriegsszene in einem Film ist aufwühlender und realistischer gemacht, als die Landung an Frankreichs Küste in „Ein Soldat namens James Ryan“.

Wie Ameisen springen Soldaten aus ihren Landungsbooten und waten schwer bepackt und schießend ans Ufer, an dem ein schier uneinnehmbarer Bunker der Reichswehr sie erwartet, bemannt mit Soldaten des Gegners und schweren Maschinengewehren.

Die amerikanischen GI marschieren nach vorne und sterben wie die Fliegen. Maschinengewehrfeuer rattert, Mörsergranaten schlagen ein, und verstümmelte Soldaten, denen Körperteile fehlen, und bei denen die Därme aus dem aufgerissenem Bäuchen quellen pflastern den Strand. Sanitäter robben zwischen ihnen hin und her, ein Arzt bestimmt mit einem schnellen und geübten Blick, wem geholfen wird und wer nur eine Morphiuminjektion bekommt, um möglichst schmerzfrei verbluten zu können.

Bedrückend, wie sich meine Haltung zu den dargestellten Greueln verändert.
Haben mich die ersten explizit gezeigten verstümmelten Gliedmaßen noch erschreckt und verstört, so spüre ich mit fortschreitender Dauer des brutalen Schlachtens, wie das schon zur Routine wird, wie sich mein Fokus wieder auf die Kampfhandlungen richtet, an denen die Hauptdarsteller beteiligt sind. Natürlich wird noch gestorben und versehrt, aber die stürzenden Leiber der Getroffenen verkommen zur realitätsnahen Staffage der filmischen Dramaturgie.

In einem Moment des Innehaltens denke ich mich zurück zu den realen Geschehnissen, die diesen bedrückenden Szenen die Vorlage geboten haben, und frage mich, was wohl in den Köpfen der jungen Männer vorgegangen sein muss, die in den Booten auf das Ufer zuglitten und die wissen mussten, dass die Eroberung der Gestade nach dem Muster eines einfachen blutigen Abzählreimes vor sich gehen musste. Es müssen so viele von ihnen geopfert werden, bis ein Teil den Weg an den Strand und in den toten Winkel des Bunkers schafft, aus dem heraus ein ebensolches Gemetzel an den vermeintlich „Bösen“ geplant und in Angriff genommen werden kann, die selbst schon jung, als Söhne, oder Väter kleiner Kinder von ihren Familien getrennt und in den Kampf geschickt wurden.

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Verbot von „Killerspielen“ – meine Email an die Innenminister Beckstein (Bayern) und Schünemann (Nds.)

Guten Tag,

mit großem Interesse verfolge ich derzeit die politische Diskussion um das Verbot sogenannter „Killerspiele“ und bin doch echt bestürzt über den von der Politik offenbar gewollten Eingriff in die Persönlichkeitsrechte erwachsener Bürger.

Da sollen Computerspiele unter, zumindest z.Zt. noch, ziemlich diffusen Kriterien in „gute“ und „böse“ Spiele unterteilt werden und deren Hersteller, Käufer, Weiterverkäufer und Nutzer kriminalisiert werden.

Ich halte das für sehr bedenklich.

Ich selbst habe vor über 20 Jahren den Kriegsdienst verweigert und habe meine Haltung durch das Spielen auch aggressiverer Spiele in keiner Weise geändert.
Im Gegenteil, ich bin und bleibe ein Gegner von Gewalt – was iÜ auch soldatische Gewalt in sogenannten „Friedensmissonen“ angeht, für die unschuldige, junge Menschen faktisch in Kriegsgebiete geschickt werden.

Ich muss Ihnen mitteilen, dass ich das von der Politik propagierte Verbot von Computerspielen im Hinblick auf ein deutliches Verlangen nach sog. „robusten Mandaten“ für die Bundeswehr in Krisengebieten für einen ziemlichen Hohn halte.

Meine PC-Soldaten sind rein virtuell und in meinen Kämpfen sterben Polygonkreaturen und es fließt Pixelblut – wie sieht es bei der Politik aus?
Können Sie nach dem Tod von Soldaten in Afghanistan einen älteren Spielstand laden, die Köpfe der Gefallenen retten und das Leid und die Trauer ihrer Familien verhindern? Wohl kaum…

Für mich – ich bin ein 44-jähriger erwachsener Mann mit eigener Firma, einer Patchworkfamilie inkl. eines Sohnes, mit der dazu gehörigen Verantwortung – sind Computerspiele eine Abwechslung vom anstrengenden Alltag, moderne Geschicklichtkeitsübungen, bei denen ich offen gesagt ganz froh bin, mal wenig nachdenken zu müssen.
Dennoch kann ich mich sonntags wieder grübelnd an den Schachbrettern meines Vereines einfinden, ohne Aggressionen gegen meinen Opponenten zu fühlen.

Meine Schachfiguren kehren nach geschlagenem Kampf in ihre Holzkiste zurück – wie die Ihren auch, nur ist deren Holzkiste größer und das Spiel kann von Ihren Figuren nur einmal gespielt werden.

Das Problem der Politik ist das Folgende:
sie möchten eine gute Regelung über die Zugänglichkeit von Erwachsenenspielen, die nur schlecht kontrolliert wird und vielleicht auch kontrolliert werden kann, durch eine schlechte und ebenso schlecht kontrollierbare Regelung ersetzen durch die mündige Bürger in Ihren Freiheiten beschränkt und kriminalisiert werden.

Ich selbst habe im postapokalyptischen Scheidungskrieg meiner Lebensgefährtin das für das Sorgerecht zuständige Gericht schriftlich darauf hingewiesen, dass deren Kinder beim Vater Zugang zu PC-Spielen haben, die keine Jugendfreigabe besitzen.
Die Reaktion? Gleich null!

Und hier liegt der Hase im Pfeffer:
Einzelne handeln unverantwortlich, Behörden kommen ihren Kontrollpflichten nicht nach – sei es aus Bequemlichkeit oder Überlastung – und deshalb soll das Problem mal eben popularitätswirksam aus der Welt geschafft werden.

Und wieder werden Sie ein Gremium benötigen, das entscheidet, welche Spiele gut und böse sind, und wieder werden Sie ein bürokratisches Kontrollproblem haben – aber dafür vielleicht ein paar Stimmen mehr, welche die Politik erfolgreich von den wirklich dringenden ungelösten Problemen unserer Gesellschaft abgelenkt hat.

Das ist dann wie bei Robbespierre: der hat auch immer mehr Leute als Gegner der Revolution geköpft, damit die Bürger sich im Blutrausch nicht soviele Gedanken über den eigenen Hunger und die eigene Not machen mussten.

Das ist auch eine Art den sozialen Frieden zu wahren…

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Spiekermann

Denglisch – Krismes vor Dammies (Weihnachten für Sprachanfänger)

Bald ist es soweit.
Weihnachten steht vor der Tür und mit ihm Vorboten in Form leuchtender Kinderaugen, welche morgens die bunte Prospektvielfalt bestaunen, die kleine Kinderhände morgens aus der Tageszeitung geklaubt haben, noch bevor Papa auf dem WC einen Blick in dien Sportteil werfen konnte.

Wir haben unseren Jungen gebeten, seinen Wunschzettel frühzeitig bereitzuhalten, damit das Christkind sich nicht wieder mit überfüllten Parkplätzen und wild drängelnden „Lastminit-Käufern“ auf der Rolltreppe rumschlagen muss – vor allem Männer auf der Jagd nach dem ultimativen Geschenk, mit dem man alle Fehler des Jahres auf einen Schlag wieder gutmachen kann.

Dieses Jahr darf er sich was Besonderes wünschen haben wir ihm eröffnet. Das Christkind sei stolz auf ihn, weil er so ein guter Schüler ist.
Na ja, außer Englisch – da hat er ein paar Probleme, obwohl ich das gar nicht verstehen kann. Wenn man seinen Freunden und ihm so zuhört scheint alles in Ordnung zu sein mit seinen Fremdsprachenkenntnissen:

Da hört man von „Friesteil-Skätbording“ , von „Äkschn-Gäms“ für den „Kompjuter“, von „Pfeil-Schäring-Kleienz“ mit denen man die neuesten „Bietz Daunloden“ kann und letztlich hörte ich, wie er seinen besten Kumpel aufzog und ihn einen „Onlein-Tschankie“ nannte.

An den Vokabeln kann es also nicht liegen. Es muss was mit der Grammatik zu tun haben. Nun gut; demnächst ist ja Elternsprechtag, und damit Gelegenheit seine Klassenlehrerin mal danach zu fragen.

Mein Englisch ist ja nicht so toll. Ich kann mich noch grob erinnern, dass „Pieß“ Frieden heißt und dass eine „Pörsching“ eine Rakete war.
Hat ja auch viel Spaß gemacht damals mit der Trillerpfeife bei Franz Josef Strauss – ein richtiges „Häppening“ .
Ich wusste zwar nicht richtig worum es überhaupt ging, aber ich fand das lustig riechende Zeug so toll, von dem man so komische Gefühle bekam, wenn man es eingeatmet hat. „Doop“ hieß es, glaube ich…

Aber ich schweife ab…

Gestern Abend war es soweit und unser Junge brachte uns seinen Wunschzettel:
„Hier is mei Wischlist.“ grinste er, obwohl ich sicher war, dass er nicht notiert hatte, in welcher Zimmerreihenfolge er meiner Frau bei der wöchentlichen Bodenpflege zur Hand gehen wollte. Er ließ sie auf den Wohnzimmertisch gleiten, drückte ihr den Kuss auf die Wange, den er mir wie immer verweigerte, weil er Küsse zwischen Männern für „unkuhl“ hält.

xboxWas stand denn da? Mal sehen…
Ich muss schon sagen – ich hatte Grund stolz zu sein auf meinen Jungen:
Obwohl er doch aus dem Vollen hätte schöpfen können, war er doch sehr bescheiden in seinen Ansprüchen.
Schön zu erfahren, dass meine väterliche Einflussnahme, vor allem im Hinblick auf die immer mehr um sich greifende Konsumsucht der Jugend, hin und wieder doch mal nicht wirkungslos verpufft, und zu einem Umdenken bei dem Jungen geführt hatte.

Als erstes wünschte er sich eine X-Box:
Wie schön, dass er sich etwas selbst Gebasteltes von seinem Vater wünscht. Ich lächelte glücklich und konnte mir meine Vorfreude im Hobbykeller schon vorstellen, wenn ich für ihn am „Disein“ der ultimativen X-Box feilte.

notebookDann las ich meiner Frau vor:
„N-O-T-E-B-O-O-K“
Da wusste ich gar nicht, was er meinte, aber meine Liebste konnte sich erinnern, dass „book“ das englische Wort für „Buch“ sei.
Ich liebe meine Frau sehr – wir haben uns damals beim „Gruppensechs gegen das Istäblischment“ kennen und lieben gelernt.
Ja, ja: „Mäk Laaf not Wor!“ war unsere Devise…

Wir haben dann besprochen, ihn aber zuerst mal zu fragen, welches Instrument er denn nun lernen wolle, was im übrigen ganz neue Töne von ihm sind –
bisher beschränkte sich seine Art Musik zu machen auf das Quälen seiner „Saundmeschin“ und seines „Sappwufers“ , oder wie das Ding heißen mag.
Es wäre ja unglücklich, Noten fürs Klavier zu kaufen, wenn er lieber Gitarre lernen wollte…

Der dritte Wunsch verwirrte mich ein wenig:
Bisher schien er ja nicht soviel auf sein Äußeres Wert zu legen, aber jetzt wünscht er sich einen – uups, da war dem Jungen aber ein übler Rechtschreibfehler passiert:
wenn er schon zukünftig ein bisschen mehr auf seine Frisur achten wollte, so sollte er das entsprechende Gerät schon richtig schreiben: mit „k“ und zwei „m“.
„Digi“ ist wahrscheinlich der Name einer Frisur, die nach einer der „Bänds“ benannt ist, deren Krach immer aus seinem „Sappwufer“ dröhnt.
Ich muss morgen unbedingt mal Willi, meinen Frisör, oder „Här-Steilist“, wie er sich lieber nennt, anrufen und nach dem neuen „Tränt“ fragen.

Kurz bevor er dann zu Bett gehen musste, kam der Junge nochmals ins Wohnzimmer gestürmt und teilte uns mit, dass er noch einen großen Wunsch hätte:
Jetzt war ich baff – nie hatte er Lust sich am Haushalt zu beteiligen, und sogar zum Müll raustragen musste man ihn wortreich überreden.
Doch jetzt wollte er schon morgens bei der Zubereitung des Frühstücks helfen.

eipottWie schön, dass unsere Erziehung endlich fruchtet, und wie lieb und bescheiden der Junge geworden ist. Ich fragte mich nur, warum er unbedingt einen Topf für die Frühstückseier haben wollte, wo wir doch über so einen praktischen Eierkocher verfügen.
Nun gut, wenn er unbedingt will, soll er seinen „Ei-Pott“ bekommen – er ist ja so ein guter Junge.

Aber weil ich so stolz auf ihn bin, kaufe ich ihm einen „Empi-drei-Pläer“, damit er seine „daungelodeten Bietz“ auch „onserot“ hören kann – den hat er sich redlich verdient.

Der Junge wird vielleicht Augen machen

Afghanistan und der Aufschrei der Moralapostel…

kindwaffeEin Aufschrei geht durch’s Land und verurteilt das Verhalten deutscher Soldaten – aber so einfach ist das nicht…

Moralisieren ist aber der falsche Ansatz.
Da werden junge Männer – teilweise unfertige Menschen – in Situationen versetzt, denen sie nicht gewachsen sein können.

Dazu kommt ein Gruppendruck, dem man sich nicht ohne Repression entziehen kann.

Schuld an solchen Vorfällen sind erstmal immer die, die durch Krieg solche Einsätze erforderlich machen und auch diejenigen, die solche Einsätze (moralisch vertretbar oder nicht) befehlen.

Herr Jung wird von seinem Sessel in Berlin aus sicher nicht den seelischen Druck haben, dem unsere Soldaten in Afghanistan ausgesetzt sind, und wir Sofazapper zuhause schon gar nicht.

Kriegssituationen wirken immer und notwendig „dehumanisierend“, und es ist fast zuviel verlangt, dass ein junger Mann, der jeden Tag mit dem Tod konfrontiert ist, sich in jeder Situation als Musterbild moralischer Werte präsentiert.

Da bauen sich Drücke auf, die wir nicht erahnen können, wenn wir uns hier über drei Prozent mehr Mwst und die Gesundheitsreform aufregen.

Da wird diskutiert, ob man den Soldaten Prostituierte schicken sollte, aber für eine anständige psychlogische Betreuung ist nicht gesorgt.

Und da sage mir keiner, dass ein Seelsorger den Jungs helfen kann. Diejenigen, die für dessen Worte ein offenes Ohr haben, sind nicht unbedingt als Zeitsoldaten im Schatten des Hindukusch zu finden.

Ich habe vor 25 Jahren den Kriegsdienst verweigert weil ich der Meinung war, dass man in der Armee, wenn sie funktionieren soll, letztlich das Recht moralischer Entscheidungen in die Hände von Vorgesetzten legen muss, und dass man damit rechnen kann, Dinge tun zu müssen, die sich vor dem eigenen Gewissen nicht verantworten lassen.

Um zu beurteilen, zu was selbst (gemessen an Afghanistan) geringer Stress führen kann, muss man noch nicht mal Unfallhelfer heranziehen, die nach Flugzeugabstürzen psychologische Hilfe benötigen.
Da genügt schon der Reiseleiter, der von 30 wütenden Kunden bearbeitet wird, weil das Hotel überbucht ist…

Man überlege einmal, wie kühl Mediziner auf Krebsstationen sein müssen, damit sie erstens überhaupt noch in der Lage sind ihre Arbeit zu tun, und damit sie zweitens diesen Stress seelisch halbwegs schadlos überstehen können.

Es hat sich was Luft gemacht bei den Soldaten, sich einen Weg gebahnt aus den Seelen der Kerle nach draußen.

Natürlich ist das falsch und natürlich muss das Konsequenzen haben. Aber es ist grundverkehrt, dass jetzt die Seniorenriege von Politik und Militär diese Soldaten aburteilt. Die können jeden Abend nach Hause zu ihren Familien und ein Fliegenschiss auf der Windschutzscheibe ist eine der größeren Katastrophen, die ihnen widerfahren können.

Allerdings fürchte ich, die Staatsräson wird Opfer fordern, allein schon um die arabische Welt zu beruhigen, und dieses Opfer wird nicht unser Verteidigungsminister sein, dem die bösen Jungs am Hindukusch den Spaß am und den Stolz auf’s neue Weißbuch der Bundeswehr verdorben haben…

Und – eine letze Bemerkung:
Ich glaube nicht, dass 19jährige Burschen, die sich zum Dienst bei der Bundeswehr verpflichten, in einer Männergesellschaft, die auf Befehl und Gehorsam basiert, wirklich erwachsen werden und moralisch reifen können, ohne dass ihnen eine Hilfe jenseits der Gehorsamsstruktur der Armee zuteil wird.

Es ist wichtiger nach Lösungen zu suchen, als die Volksseele durch Bauernopfer und durch zur Schau getragene kollektive Abscheu zu beruhigen…

„Traurig grüß ich den, der ich hätte sein können.“ – oder: vom Leben im Konjunktiv

Wenn wir die Menschen um uns herum betrachten, wie sie in schwierigen Zeiten versuchen ihr Leben zu organisieren, und sich einen Pfad durch das Dickicht wirtschaftlicher und existentieller Ängste und Gefahren zu bahnen, so stellen wir gelegentlich fest, dass sie sich außerhalb der hektischen Besorgung alltäglicher Geschäfte zu einer Reise aufgemacht haben.

Irgendwann, frustriert vom Anreiten gegen die täglichen Windmühlen, haben sie innerlich ihr Bündel geschnürt und sich auf den Weg gemacht in eine neue, verheißungsvolle Heimat – das Land des Konjunktivs.

Wenn man diese Reisenden antrifft und mit ihnen spricht, so vernimmt man einen Hang zu den für den Konjunktiv bezeichnenden Vokabeln „könnte“, „sollte“ und „würde“, bzw. wortreichen Ersetzungen derselben, die dann wiederum oft einen sich selbst entschuldigenden Beiklang haben –

eine Entschuldigung dafür, dass man meint, dem Konjunktiv aus ach so vielen persönlichen und fremdbestimmenden Gründen nicht entgehen zu können.

In einer globalisierten und von Ellbogen dominierten Welt wird es zunehmend schwieriger sich selbst kleine Träume zu erfüllen und existentiell drängende Vorsätze in die Tat umzusetzen.

piccaAndererseits besteht eine große Gefahr unserer bunten Glitzerwelt des Konsums und des lauthals vernehmbaren Werbegeschreis der Konzerne darin, dass uns alltäglich Träume in die Köpfe manipuliert werden, die für den größten Teil der Menschen unerreichbar sind, und die jene, die sich die Bewahrheitung eines solchen Trugbildes unter Anstrengungen ermöglichen können, seltsam leer lassen, und die keinesfalls die Erfüllung bieten, die uns vorher durch den multimedialen Overkill in Aussicht gestellt worden ist.

Beide Gruppen verbindet die unerfüllte Hatz auf das, was sie fälschlich für traumhaft und erstrebenswert halten, eine Jagd auf Chimären, die sich Konzerne und falsche Propheten wiederum zunutze machen, um sich an den durch ihr Leben irrenden Menschen weiter bereichern zu können.

Und so flüchten sich die Unzufriedenen in eine Welt des „Vielleicht“, der hochtrabenden, und Linderung von Hektik und Stress versprechenden Ziele, von denen sie aber weiter entfernt sind als unser Erdball von Alpha Centauri.

Sie sagen:“ Ich müsste dringend etwas ändern“, oder wiederholen gebetsmühlenartig ihr tägliches „Ich würde mir einen Traum erfüllen, wenn nicht die Umstände so gegen mich wären.“

Das „sollte“ und „wäre“, das „könnte“, „müsste“ und „würde“ werden zur nichtssagenden Terminologie ihrer Existenz, die sich augenscheinlich nur noch im schalen Dämmertraum von einer besseren Welt ertragen lässt.

blochDer helle, in der Realität fußende und uns wach für die wahrhaft wertvollen Möglichkeiten des Seins machende Tagtraum aus Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“, und die gesellschaftlich gestalterische Kraft seines Begriffes der „konkreten Utopie“ haben keine Chance gegen das flache Verlangen nach Zerstreuung und Erlösung aus dem Jammertal der wirtschaftlichen Angst und der existentiellen Frustration.

Manchmal spielt der Konjunktiv ein sich verstellendes Versteckspiel mit uns und kleidet sich in das Gewand strengerer Vokabeln –

ein „ich würde“ mutiert verbal zu einem „ich werde“ und ein „ich müsste“ zum moralisch stärkeren, weil keinen Widerspruch zu dulden scheinenden Appell, obwohl tiefinnerlich das resignative Gefühl schon längst oder immer noch die Oberhand hat.

Den größten Schritt ab vom Weg zum wahren Glück machen diejenigen, bei denen der Konjunktiv einer der Vergangenheit und keiner der unbestimmten Zukunft ist.

Für sie wird das „Weißt Du noch als wir…“ und „Wenn ich noch einmal jung wäre…“ zum Credo ihres durch den gesellschaftlichen Massendruck als verdorben empfundenen Lebens, und sie berauben sich gänzlich einer Veränderung des zwar als übermächtig gefühlten, aber immerhin noch formbaren „Was da kommen mag“.

So streben wir nach Zielen, die keine sind und jagen nach dem Haben, weil wir den Wert des Seins und des Ruhens in uns selbst vergessen zu haben scheinen.

Das größte Verbrechen begehen wir an unseren Kindern, die ebenso schon vom Virus der „Generation Statussymbol“ infiziert sind.

Da wo wir als Kinder aus bunten Legoquadern die wunderbarsten Kunstwerke schufen, benötigen unsere Kinder heute einen 200-Euro Bausatz, der sich ohne eine buchdicke Bauanleitung nicht in etwas Vorzeigbares verwandeln lässt.

Ihre Wünsche sind bereits vom Statusdenken und nicht mehr von den Grundbedürfnissen des Kindseins gesteuert, und es ist unsere Aufgabe, ihnen das zurückzuschenken, was wir verloren haben und ihnen aus diesem Grund nicht geben konnten.

Doch manchmal hören auch wir leise den Ruf unserer verschütten Kindheitsträume – Träume, die uns Glück verhießen und Fröhlichkeit versprachen – Träume, die kein Geld benötigten, um realisiert zu werden, die in den kleinen Dingen lagen, der Freude am Spiel, der Freundschaft und Liebe und in der Kreativität und der Phantasie.

Es kommt darauf an, dass wir diesen Stimmen wieder Gehör verschaffen und ihr Versprechen zu leben versuchen, weg von den Dingen, hin zu seelischen Werten, die auf ein Glück jenseits einer durch den Konsum stimulierten fragwürdigen Zufriedenheit hoffen lassen.

Dazu gibt es keine Alternative, und es dürfen keine ausweichenden Ausreden ins Feld geführt werden.

Hier muss das unbedingte „Du bist, was Du tust!“ des Existentialismus gelten, damit wir einen Weg aus den uns aufgezwungenen Irrgärten des Glücks finden, und damit wir endlich aufhören bis zum Ende als zweibeinige Absichtserklärungen vor uns hinzuleben…

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

– Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung –


Im Konjunktiv

Zu viele leben exzessiv
in fremden Dimensionen,
ihr Leben spielt im Konjunktiv
voll leerer Ambitionen.

Die wahre Welt ist zwar real,
doch kennt sie keine Helden,
so träumt man sich ins Ideal,
hat endlich was zu melden.

Ein “hätte” wird zum ist-Ersatz,
das “könnte” zur Parole,
und selbst der größte Hosenmatz
schwenkt seine Gloriole.

Im groß zu tun, statt großem Tun
verlegt man sich aufs “sollte”,
lebt gänzlich wirklichkeitsimmun,
bepreist sein schales “wollte”.

Die Würde stirbt als Korrektiv,
das “würde” scheint zu lohnen,
den Tagtraum träumt man obsessiv,
lebt blind in Illusionen.

Ein graues Nasenhaar, oder warum ich nicht mehr auf eine Ü30-Party gehe…

altertuemchen„Was willst DU denn auf einer Ü30-Party?“ musste ich mich letztlich fragen lassen, als ich meiner Freundin Mitteilung von der Idee meines besten Freundes machte, wie der letzte Samstag rein männerfreundschaftstechnisch zu begehen sei.

Nun muss man wissen: ich bin 44 und erfülle damit zumindest die von den Ausrichtern geforderte Grundbedingung zum Besuch eines solchen profilneurotischen, weil vorwiegend marktwertbestimmenden Großereignisses – doch fand ich es irgendwie klüger, ihre nicht ganz ausschließlich rhetorisch gemeinte Frage auf das vermutlich übergroße Angebot paarungswilliger und mehr oder minder alleinstehender Frauen zurückzuführen, statt es als einen Hinweis auf meine doch schon erheblich fortgeschrittene Zahl an Lenzen zu schieben.

Natürlich weiß ich noch aus Zeiten, in denen mich vor dem Verlassen des Hauses keine langwierigen Dehnübungen und der vorbeugende Genuss elektrolythaltiger Speisen und Getränke vom größtmöglichen Einsatz bei der Körperpflege abgehalten haben, dass die beste Gelegenheit für einen annähernd Vierzigjährigen, eine Frau von Mitte 20 in die heimische Bettstatt zu manövrieren eben eine jener Parties zur Unterhaltung angehender geriatrischer Problemfälle ist, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem vertrocknenden Humus des gelangweilten Mittelalters geschossen sind;
und so schienen mir ihre Einwände natürlich nur allzu verständlich…

Beim späteren Blick in den Spiegel im heimischen Badezimmer überfielen mich dann jedoch zuerst leise, dann sich aber immer drängender gebärdende Zweifel –

Ich musste zugeben, der Zahn der Zeit hat das Seine an mir vollbracht:

Mit Mitte 40 fühlt man sich ja so ein bisschen, wie ein Kicker in der achzigsten Minute im großen Fußballspiel des Lebens, von dem der große Sportreporter im Himmel sagt: „Es ist Zeit für ein erstes Fazit.“, und hat das fast sichere Gefühl, als wollte das johlende Publikum das einem eigene, schon nah gefühlte Karriereende früher herbeiskandieren, als man es selber wahrhaben will…

Mein Körper gemahnt weniger an die vier Marathons, durch die ich mich quälte, als an die Menge Muffins, Margarine und Mascarpone, die ich mit den Jahren durch meinen Stoffwechsel geschleust habe…

Die optische Fülle meines Kopfbewuches ist eher einem allmorgendlichen hochfiligranen Legespiel zu verdanken, denn einem jugendlichen Überfluss an willigen Kappillaren und den sie steuernden männlichen Hormonen…

Mein Herz überschlägt sich schon beim Befüllen einer Kaffeetasse in einem wirbelnden Stakkato rhythmusgestörter Hyperaktivität, den ich in früheren Jahren auch unter intensivsten Trainingsanstrengungen nicht herbeizuführen vermochte…

Magen und Darm sind in einem derart bedauernswerten Zustand, dass mir Averna, Ramazotti und Fernet Branca wie die letzten mir noch als wirksam bekannten Ballaststoffe vorkommen…

…und erotisch bilde ich mir ein, höhere Ebenen der eigenen Lust durch eine reifebedingt gesteigerte Genussfähigkeit zu erreichen, und die Lust des Gegenübers durch ein Mehr erfahrungsbegründeter tantragleicher sexueller Kniffe zu steigern – wo sich doch eigentlich die erlahmende Potenz als verzweifelte und vermutlich gänzlich unbegründete Altershybris maskiert…

Doch um mich noch einmal dem Haarwuchs, als dem schlechthinnigen Muster männlicher Verfallserscheinung zu nähern:

Beim kritischen Blick in den Spiegel fällt mir auf, dass mein Haarwuchs an all jenen Stellen neue Rekordmarken erreicht, die eben nicht unbedingt von samsongleicher Männlichkeit zeugen, während er in den für das eigene Selbstbild so wichtigen Arealen (jenseits der zu buschigen Raupen mutierten Augenbrauen) vielerlei Grund für mannigfaltige Frustration liefert, weil dort die Haarwurzeln ein vergebliches Rückzugsgefecht gegen die verebbende Versorgung aus der mit den Jahren geschwächten Epidermis des Kopfes kämpfen…

Ein einziges graues Haar in einem meiner polypenverengten Nasenlöcher überzeugt mich dann endgültig von der Entscheidung, vom Besuch der eingangs erwähnten Volksbelustigung Abstand zu nehmen.

Wie kann ich sicher sein, nicht auf dem Höhepunkt der abendlichen prägeriatrischen Balz plötzlich von einer dieser unvermeidbaren Geißeln des Alters kompromittiert zu werden?

Und möchte ich wirklich meinen im Freudeskreis legendären, leichtlockeren und überaus eloquenten Flirtstil gegen ein angestrengt anmutendes Verkaufsgespräch tauschen, in dem der unredliche Verkäufer die wenigen Vorzüge des Produktes preist, während er den Überhang an Gegenargumenten für den Kauf geflissentlich unter den Teppich kehrt, nur um auf Teufel komm raus zum Abschluss zu kommen?

Eindeutig nein – da bewahre ich mir lieber unter mangelndem Aufweis des Gegenteiles den Nimbus vergangener Tage und geselle mich abends zu meiner Freundin aufs gemütliche heimische Sofa.

Es läuft eine interessante Reportage über die Tierwelt Afrikas und noch bevor ich schwerlidrig in das allabendliche Wachkoma falle höre ich sie verliebt flöten: „Schatz, hör mal die Flusspferde… Fast so wie Du, wenn du nachts an meiner Seite liegst…“

Unterschicht – oder: an ihren Worten sollt Ihr sie erkennen…

goebbels„Ein neues Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der Unterschicht…“

Es macht einen sonderbaren Sinn, zur Einleitung ein Zitat aus dem kommunistischen Manifest zu modifizieren, weil es zum einen den möglichen klassenkämpferischen Aspekt des neuen Modewortes „Unterschicht“ betont, zum anderen aber eine Analogie zum „Gespenst des Kommunismus“ insofern durchscheinen lässt, als der neue und zugleich doch so alte Begriff der Unterschicht ähnlich diffus und nebelhaft gebraucht und verstanden wird, wie der des Marxismus in seinen Anfängen.

Sprache ist ein ganz außergewöhnliches Werkzeug.
Sie kann ein filigraner, wohl nuancierter Pinselstrich in den Händen eines Meisters sein, aber zugleich auch über diverse Abstufungen zur Waffe in den Händen intelligenter und damit ungemein gefährlicher Agitatoren mutieren, bei denen das Zusammentreffen von Intelligenz, Sprachvermögen und Skrupellosigkeit eine kritische Masse der Manipulation ergibt, welche Gesellschaften zu untergraben und Regierungssysteme hinwegzuspülen vermag.

Setzt man sich mit diesem neuen Unwort einmal genauer auseinander, so muss auffallen, dass seine Anstößigkeit weniger im Begriff selbst, sondern vielmehr in dessen Gebrauch und dem Kontext geborgen ist, in dem dieses Wort verwendet wird.

In der begrifflichen Triole „Oberschicht-Mittelschicht-Unterschicht“ hat es den einfachen Charakter einer begrifflichen Abgrenzung gesellschaftlicher Schichten und erscheint wenig abschreckend, zumal sich hier zunächst niemand persönlich angesprochen fühlen muss.

Wird es jedoch alleinstehend gebraucht, ohne das Gerüst der ihm verwandten Begriffe, so stellen sich plötzlich Assoziationen ein, die es z.B. mit dem Begriff des „Untermenschen“ verbinden, und die ungute Folgen für die Debatte über das eigentliche Problem haben, in deren Verlauf dieses Wort überhaupt zu unnötiger und zweideutiger Berühmtheit gelangt ist.

Witzigerweise funktioniert eine analoge Triole zu der eingangs erwähnten ganz und gar nicht:
ein Übermensch ist etwas ganz anderes als das genaue Gegenteil des Untermenschen, und ein „Mittelmensch“ existiert schon gar nicht und hat mit dem Ersatzbegriff des „Durschnittsmenschen“ auch nur ein Surrogat, das sich in seiner Betonung erheblich von einer Begriffsverwandschaft zum Untermenschen distanziert.

In der Debatte über dieses neue Unwort, welches unter dem Deckmantel vermeintlich unverblümter Nennung von Ross und Reiter des offensichtlich nicht mehr wegzudiskutierenden Armutsproblems daherkommt werden wir alle das kollektive Opfer eines sprachlichen Trends unserer Zeit, nämlich der „Verschlagwortung“ komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge.

Initiiert und beschleunigt durch den meistenteils unsäglichen sprachlichen Tenor der Boulevardjournaille, werden wir zum Opfer einer Reduzierung der Wurzeln unserer Meinungsbildung auf Parolen – was die latente Gefahr einer zunehmenden Verarmung unserer Sprache und damit unseres Denkens auf das Niveau totalitärer Regime in sich birgt.

Wir täten gut daran, unser Augenmerk mehr auf die sachlichen und um Objektivität bemühten Inhalte anspruchsvoller journalistischer Arbeit zu legen und sollten weniger dem bequemen Impuls nachgeben, der uns meinen lässt, dass das Überfliegen der größten Schlagzeilen am Kiosk auf unserem Arbeitsweg dazu angetan sein könnte unsere politische Meinungsbildung auf ein gesundes Fundament zu stellen.

Nur so können wir der schleichenden Gefahr entgehen, dass uns jene agitatorisch ausmanövrieren, die uns aus persönlicher Betroffenheit, weltverbesserlichem Übereifer, oder aus metallisch kaltem politischen Kalkül auf ihre Seite ziehen und instrumentalisieren wollen.

Denn wenn uns eines klar sein sollte, so ist es die Einsicht, dass kein politisch-soziales Ding in unserer modernen Gesellschaft von eindimensionaler Struktur ist.

Die diversen Facetten und Betrachtungswinkel eines solchen Dinges aus einer Bequemlichkeit des Denkens heraus auszublenden und zu ignorieren, macht den Menschen geistig arm und gefährdet die Gesellschaft weitaus mehr, als das gelegentliche Auf- und wieder Abtauchen von politischen Ex-und-Hopp-Begriffen, deren bedeutungstechnische Halbwertszeit schon alleine durch die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit und ihrer Nachrichtenwelt limitiert ist.

Wunderwerk der Technik, oder der schöne Schein…

buga2Ich bin kein Autonarr, ganz und gar nicht.
Im Gegenteil – ich empfinde das Fahren, um von einem Punkt zum anderen zu gelangen als eher lästiges, aber häufig notwendiges und eigentlich langweiliges Übel.

Ich bin auch kein Fan von Technik in dem Sinne, dass mich die Geheimnisse der Ingenieurskunst auf physikalisch-formelhafter Ebene interessieren – aber ich bin ein erklärter Fan des menschlichen Geistes und dessen, was er zu schaffen und zu schöpfen in der Lage ist.

Das kann ein tiefsinniges philosophisches Buch, ein Meisterstück bildender Künste, oder wie hier ein technisches Wunderwerk in Form eines Traumautos sein: der Bugatti Veyron…

buga3Hier ein paar Rohdaten:

  • 16 Zylinder, 4 Turbolader
  • 7993 ccm Hubraum
  • 736 KW – 1001 PS
  • 0-100 km/h: 2,5 Sekunden
  • 0-200 km/h: 7,3 Sekunden
  • 0-300 km/h: 16,7 Sekunden
  • Max. Geschw.: 407 km/h

Das Ganze wird einem auf der Straße präsentiert zu einem Preis von 1 Mio. Euro (zzgl. Mwst.) und mit 6000 U/min bei einem maximalen Drehoment von 1250 Nm bei 2500 U/min (bei der letzten Angabe weiß ich gar nicht, was sie bedeutet – aber es hört sich beeindruckend an, nicht wahr…?)

Nun ist es aber mit solcherlei Autos wie mit den schönen Frauen in Film und Fernsehen:
sie nötigen uns ein hohes ästhetisches Urteil ab; wir empfinden ihre Zugehörigkeit zu einer besonderen Klasse naturaler, wie kultureller Schöpfung, aber sie lassen uns oft innerlich kühl, weil sie zu sehr einer platonischen Idee ähneln, zu sehr Modell für etwas zu sein scheinen, dass in seiner Einzigartigkeit jeglichen Realitätscharakters enthoben ist.

buga1Und so empfinde ich ein solches Automobil nicht als wirklich schön, weil Schönheit in meinen Augen auch real sein muss.
Traumautos und ebenso Traumfrauen (zumindest das, was man dafür hält) sind zwar real existent, aber mitunter nur Muster ohne praktischen Wert, so eine Art goldener Schnitt, der nur die Geschmäcker verdirbt und falsche Signale in die praktische Wirklichkeit des Menschen sendet.

Und so sollten wir Schönheit nicht nur nach ästhetischen Maximalmaßstäben messen, sondern als Gradmesser die Stärke heranziehen, mit der das betrachtetete Wesen uns innerlich erreicht und die Art und Weise, wie dessen innere Lebendigkeit die unsere befruchtet und motiviert.

Und schnell werden wir spüren, dass uns der vermeintlich maximale ästhetische Wert in sonderbarer Weise kalt lässt, dass er unseren Intellekt erreicht, welcher ein wohlfeiles Urteil fein kalkulierter Denktätigkeit liefert, aber dass in unserer Seele und unserem Spüren keine wirkliche Attraktion und Begeisterung spürbar wird.

buga4Die Beauties und Pseudomaßstäbe der multimedialen Ex und Hopp-Kultur sind hübsch ausstaffierte Schaufensterpuppen des Konsums und abschreckende Vogelscheuchen vorgegaukelter Sehnsüchte zugleich. Ihr Streben nach Perfektion, respektive dessen, was die Konsumpropheten uns als solche weismachen wollen, nimmt mitunter groteske Züge an, und sonderbarerweise lässt sich dieses quichotische Anrennen gegen die Windmühlen des Alters genauso vermarkten, wie ihre frühere faltenlose Präsenz im Rampenlicht.

Und so machen die Schönheiten der televisonären Überfrachtung gleich zweimal Karriere in den Gazetten: zuerst in der Blüte ihrer Jahre, zur Zeit ihrer künstlichen Überhöhung durch Journaille und Paparazzitum und dann, in eben den gleichen Medien, durch ihren Fall aus den unerreichbaren Sphären ihres ästhetischen Olymps in die Tiefen des ihre Schönheit vernichtenden Hades.

In gewisser Weise sehen wir sie an uns vorbei fallen – so als stürzten sie im Treppenhaus aus der obersten Etage des Hochhauses in den Keller, während wir Normalsterblichen fleißig und nimmermüde um jede Stufe des persönlichen Emporkommens und gegen jede Stufe des nahenden Abstieges ankämpfen.

Und so wandelt sich Bewunderung und Überhöhung in Schadenfreude und ein schales Gefühl von falsch empfundener Gerechtigkeit und später Genugtuung.
Es ist beruhigend zu sehen, wenn Götter fallen, denn in dem Maße, in dem sie im Fall dem Menschen ähnlicher werden, empfindet sich dieser ohne eigene Leistung näher an den Heroen des Olymp und kann den schönen Schein unbegründeter Hybris warm auf seiner irdisch-faltigen Haut genießen.

Dabei ist und bleibt er jedoch ein Abhängiger der ihm vorgegaukelten Scheinwelt, bleibt eine Marionette eben jener surrealer Ideale, die sein Leben bestimmen. Denn für jene, die fallen, folgen neue, die aufsteigen und die uns ebenso gefangen nehmen, wie die gestürzten Götter zuvor.

Diesem Teufelskreis und dieser Abhängigkeit lässt sich nur entgehen, wenn ein aufgeklärter Geist die Samstagabendshow mit der gegenseitigen Selbstbeweihräucherung der Schönen und Reichen als das begreift was es eigentlich ist: eine Fiktion, eine Flucht, eine Art Alkoholisierung mittels manipulierender bunter Bilder und ihrer vermeintlichen Beherrschung durch den Zauberstab der Moderne, den wir Fernbedienung nennen.

Und so ist die Frau, die ich liebe die schönste Frau der Welt für mich
weil sich in ihr die Lebendigkeit und das Leben – auch das bereits gelebte – widerspiegelt, vor dem die Vogelscheuchenschaufensterpuppen eine solche Angst haben, dass sie sich mit Spritzen, Einlagen und allerlei chirurgische Tand zwar eine gewisse optische Zeitlosigkeit, aber zugleich einen Verlust an innerer Größe und ganzheitlicher menschlicher Schönheit einhandeln.

Nun schließe ich den Kreis zurück zum exemplarischen Automobil, genieße den Blick auf den Bugatti und schätze ihn als ein ganz besonderes Beispiel dessen, zu was der Mensch befähigt ist (wenn er sich nicht genötigt sieht, seine Potenz in den Dienst der Rüstungslobby zu stellen…).
Ich behalte aber meinen Blick auf die Realität und den praktischen Wert meines heimischen Pkw, der mich treu und wohlbehütet von A nach B transportiert.

Was mehr will ich von einem Auto verlangen…?