Auf der Suche nach dem Sinn

Schmetterling

Die Welt ist ein Panoptikum – das ist für mich eine unumstößliche Tatsache. Ein buntes Kaleidoskop sonderbarer Gestalten bevölkert unseren Planeten und fristet sein existentiell kärgliches Dasein auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Der Schmetterling

Nun ist die Suche natürlich keine einfache – manch einer glaubt, der Sinn fliege durch die Luft und kann eingefangen werden wie ein farbenfroher Schmetterling. Er jagt ihm nach, hascht nach ihm und kann ihn dennoch nicht fassen. Die anderen sehen sein Hüpfen und fröhliches Rudern mit den Armen und bedauern den armen Irren, der beständig den Bodenkontakt zu verlieren scheint und am Ende mehr wie eine plumpe Motte wirkt, die versucht selbst ein bunter Schmetterling zu sein.

Die Wühlmaus

Ein anderer glaubt den Sinn in der Erde zu finden. Er wühlt im Dreck und versucht dort, den Dingen auf den Grund zu gehen. Er sucht den Sinn in dem Teil der Welt, der von seinen Artgenossen mit Füßen getreten wird, die Finger wund vom Kampf gegen das Erdreich und die Nase schmutzig vom Stöbern im Unrat nach der ultimativen existentiellen Trüffel. Gemeinhin fühlt sich gerade die Wühlmaus der Motte überlegen, weil sie glaubt, die Welt verstanden zu haben und frei von Illusionen zu sein. Doch sie wühlt so lange, bis ihr die Kraft ausgeht und ein anderer ihr die Grube gräbt, in der ihr Sinn zu finden ist.

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Ruhseln

ruhselnDer Mensch ist nur ein durchlaufender Posten in der großen Rechnung des Universums. Manche glauben aber scheinbar, durch Wuseln verhindern zu können, dass sie wieder atomisiert werden. Ist es tröstlich zu wissen, dass eines unserer Atome später vielleicht in einem Stern seinen Dienst verrichtet oder im Herzen eines großen Künstlers? Wer weiß, es könnte ja auch ein Verkehrsschild sein, eine Kloschüssel oder von allem etwas.

Manche wissen ja schon nicht, was ihre Atome zurzeit so treiben. Ich glaube, das sind die, die wuseln. Vermutlich glauben sie auch, nicht nass zu werden, wenn sie nur schnell genug unter den Regentropfen weglaufen. Aber sind die anderen besser dran? Ich kenne ein paar, die nur deshalb in sich ruhen, weil sie keinen besseren Platz finden, obwohl sie vermutlich einen nötig hätten. „Ruhseln“ ist sicher eine gute Idee. Ich probier das mal aus. Aber zuerst gehe ich in mich, bevor ich aus mir rausgehe… Wir sehn uns im Panoptikum… Bis bald…

Freier Wille, oder was?

Freier Wille, oder nicht?

Wir Menschen sind es gewohnt jeden Tag Entscheidungen zu treffen. Schon der ersten Handlung des Tages, dem Aufstehen, liegt eine Willensentscheidung zu Grunde. Wir könnten ja auch liegen bleiben, den Arbeitstag Arbeitstag und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Die freie Willensbildung ist vermutlich der Eckpfeiler, der die menschliche Existenz von der Instinkthaftigkeit des Tieres unterscheidet. Unser Leben besteht aus freien Wahl unter den Möglichkeiten, die jeden Tag an uns herantreten und die wir für uns entwerfen.

Natürlich hören wir uns selbst und andere oft sagen: „Ich kann das nicht weil…“, aber dieser Satz ist in den meisten Fällen ja nur eine Übersetzung eines: „Es hat keinen Sinn, das zu probieren, weil…“, was bedeutet, dass wir sehr wohl Anstrengungen in die angesprochenen Richtung unternehmen könnten, wenn wir wollten. Wir treffen lediglich die pragmatische Entscheidung, dass eine Handlung in diese Richtung deshalb sinnlos ist, weil das erwünschte Ergebnis nicht erreichbr scheint.

Aber auch hier spricht der freie Wille. Wir sind letztlich sogar in der Lage, schweren Herzens auf einen Weg zur Selbstverwirklichung zu verzichten, wenn wir diesen Weg als zu beschwerlich, oder das Ziel als unerreichbar ansehen. Ein anderer wiederum mag den Weg bereits als das Ziel betrachten und geht mutig voran – allen Erschwernissen und allen Zweifeln zum Trotz.

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Meditationen über den Tod

Ich meditiere nicht, aber ich habe seltene und kostbare meditative Momente.

Der unermüdlich kreisende Gedankenlöffel in der großen Rührschüssel meines Kopfes kommt für eine Weile zu Ruhe und ich kann mich einen Moment zurückziehen aus der permanenten Produktion von Sinn und Unsinn, die in meinem Gehirn mit der Konstituierung meiner Welt einhergehen.

In diesen Momenten aber strebe ich nicht nach einer Befreiung vom Denken an und für sich, weil ich akzeptiert habe, dass die beständige Reflektion ein Grundbestandteil meines Charakters und damit auch meiner Existenz ist. Vielmehr ziehe ich mich in mich zurück und lasse die vielfältigen Ströme in meinem Kopf sich zu einem ruhigen Fluss vereinigen, indem es mir gelingt das wilde Spiel der Assoziationen zu bändigen und zum Verstummen zu bringen.

Sonderbarerweise erlebe ich diese meditativen Momente am stärksten, wenn ich mich mit schwersten und schwierigsten Gedanken beschäftige. Oftmals beschäftigen mich weltanschauliche Probleme, durch die mein Denken und Empfinden in diesem intensiven Moment gegen jede Störung von innen gefeit sind.

Oder ich blicke in den Himmel, oder in die Wipfel der Bäume und sehe Figuren, betrachte das leichte Wogen der Baumkronen und mache meinen Frieden mit meiner Endlichkeit.
Diese Momente sind nicht primär Rückzug aus der Welt, sondern vielmehr ein reichhaltiges Mich-Versenken in die Existenz – eine Art, meinem Kern am nächsten zu kommen und zu spüren, dass dieser Kern über ein energetisches Band mit der Welt verbunden ist.

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Existiert Gott? – oder: Die Wette des Blaise Pascal“ gegen „Ockhams Rasiermesser“

„Das ist aber eine große Aufgabe!“ könnte man meinen, wenn man den Titel dieses Aufsatzes liest. Zum einen sicher sehr umfangreich, zum anderen nicht für jeden verständlich, wenn man wirklich in die Tiefe geht.

Nun zur Beruhigung: Das muss nicht so sein –

Wir benötigen für eine luftig-leichte Diskussion vier Zutaten:

  • Einen Teil „Die Wette Blaise Pascals“
  • Einen Teil „Ockhams Rasiermesser“
  • Eine Prise „Camus“ und
  • einen Spritzer Existenzphilosophie

 

Die Wette des Blaise Pascal:
Blaise Pascal (1623-1662) war wie viele Denker seiner Epoche ein Universalarbeiter, der sich auf vielen Feldern der Forschung versuchte:

  • so erfand er u.a. eine Rechenmaschine,
  • stellte Untersuchungen zum Luftdruck an (weshalb heute die physikalische Einheit des Druckes nach ihm benannt ist),
  • hinterließ mit den „Pensees“ ein Bündel von ca. 1000 Zetteln mit Fragmenten und Notizen philosophisch-religiösen Inhaltes
  • und beschäftigte sich zudem mit Wahrscheinlichkeitsrechnung

Seine berühmte Wette geht so:

  • Man muss sich entscheiden, ob man glaubt, dass Gott existiert, oder eben nicht.
  • Wenn man glaubt und er existiert, so gewinnt man das Himmelreich.
  • Existiert Gott nicht, und man glaubt dennoch, so verliert und gewinnt man nichts.
  • Existiert Gott nicht, und man glaubt nicht, so bleibt es ebenso gleichgültig
  • Wenn Gott jedoch existiert und man sich ihm verweigert, so muss man zur Hölle fahren.

 

Daraus folgt, dass es vernünftig ist an Gott zu glauben, weil die beiden mittleren Möglichkeiten nichts verändern, und Wert und Unwert der ersten und letzten ja intuitiv einleuchten.

 

Nun gibt es eine ganze Menge scharfsinniger Einwände gegen diese Wette, die z.B. darauf beruhen, dass Gott ein bisschen anders „strukturiert“ ist, als wir glauben.
Wenn wir z.B. unterstellen, dass es Gott egal ist, ob wir glauben und ihn anbeten, aber dass er auf ein moralisch anständiges Leben achtet, so könnte der ungläubige Gutmensch doch ins Himmelreich auffahren, obwohl ihm der eigentliche Glaube und damit die Verehrung Gottes fehlen.

Ich denke, dass Pascal bei seiner Wette aber weniger eine hundertprozentig logische Absicherung des Argumentes gegen alle Eventualitäten im Sinne hatte, sondern dass er einfach, wie im 17. Jahrhundert noch ganz normal, das damals vorherrschende Bild Gottes vorausgesetzt hat.

Das würde auch eines der cleversten Gegenargumente ein wenig entkräften, welches besagt, dass allein die Ausübung des Glaubens, wie z.B. im Gebet, oder beim Kirchenbesuch im Falle eines nicht existierenden Gottes ein Zeitverlust seien, der einen von wirklich wichtigen Dingen abhielte, was einem Qualitätsverlust des Lebens gleichkäme.

Im Gegenteil kann man aber auch argumentieren, dass man im vorliegenden Fall ein sinnerfülltes und gutes Leben führt, während der berechtigt Ungläubige Gefahr läuft, in einer großen Sinnkrise zu existieren und unglücklich zu sein.

Halten wir also fest, dass es nach Blaise Pascal sinnvoll ist an Gott zu glauben.

Jetzt packen wir die Sache mal anders an:

Der Mensch im Christentum glaubt an Gott u.a. deshalb, weil er Antworten auf sonst offene, nicht zu lösende und wohl manchen auch ängstigende Fragen für uns bereithält.

Der große Immanuel Kant hat einmal drei Hauptfragen der Philosophie formuliert:

  • Was kann ich wissen?
  • Was darf ich hoffen?
  • Was soll ich tun?

 

Wenn man jetzt mal nicht zu penibel ist, so kann man mit ein wenig Denkphantasie tatsächlich viele, wenn nicht alle Fragen der Philosophie einem dieser Punkte zuordnen.
Und wenn man es recht überlegt, scheint die Religion Antworten für alle diese drei Grundfragen zu Verfügung zu stellen:

  • In der Naturwissenschaft stoßen wir u.a. an Grenzen z.B. im Hinblick auf Anfang und Ende der Zeit, oder des Kosmos, oder auf die Frage nach der Beschaffenheit der Materie.
  • In unserem Leben erfahren wir fast täglich, wie schwierig es moralisch ist die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Oft zeitigt der eine Weg, so gut er gemeint ist, neben guten Folgen auch negative Begleiterscheinungen und wirft neue schwere Fragen auf.
    Wie gut, dass einem der Glaube Handlungsmaximen liefert.
  • Und zu Punkt drei, was zu hoffen sei, werfen der uns gewisse, aber zeitlich unvorhersehbare Tod, sowie dessen uns gleichermaßen ängstigende Bruder, das Sterben, Fragen auf, die der Glaube mit einer Hoffnung beantwortet, die der Atheismus naturgemäß nicht liefern kann.

 

Wir können also festhalten, dass uns der Glaube mit Antworten auf existentielle Fragen versorgt, die dem Menschen auf den Nägeln brennen und die er in der Endlichkeit seines Lebens und seines Geistes sonst nicht beantworten könnte.

 

Das scheint doch ein ganz starkes Argument zu sein:

Dass Gott doch so augenscheinlich wie der Deckel auf den Topf menschlicher Zweifel passt, kann nur daran liegen, dass er dieser Deckel ist, nicht wahr?
Doch nicht so schnell und nicht so voreilig – das Gegenteil kann ebenso gelten:
Der Glaube an Gott scheint deshalb so genau unsere offenen Fragen zu beantworten, weil wir uns ihn genau so konstruieren, dass sich eben jene Fragen positiv für uns auflösen lassen.

Genau betrachtet, ist die Religion in der Beantwortung von zwei der Grundfragen Kants doch sehr spekulativ:

  • Auf die physikalisch-kosmologischen Fragen antwortet die Religion mittels einer Definition, die Gott außerhalb dieser „Kategorien“ stellt. Gott ist Raum und Zeit nicht unterworfen, sondern sie sind bestenfalls seine Schöpfung, genauso wie unsere Welt mit ihrer dann raumzeitlichen Struktur – ziemlich clever, wie ich finde…
  • Auf die Frage nach der Hoffnung, nach dem Sinn des Lebens und nach dem Tod antwortet der Glaube mit dem ewigen Leben und (im Idealfall) dem Auffahren ins Paradies – sehr schön und sehr beruhigend…

Kommen wir jetzt zu dem oben erwähnten Rasiermesser des William von Ockham:

Ockham (1285-1349) war in eine Zeit geboren, in der ein vernünftiger Zweifel an der Existenz Gottes gar nicht zur Debatte stand. Dennoch war er der erste, der behauptete, dass man über Gott nichts wissen, sondern lediglich etwas glauben kann, was damals ziemlich revolutionär war.

 

Was „sein“ Rasiermesser hingegen betrifft, so könnte es womöglich nicht wirklich seines gewesen zu sein, zumal die Grundidee schon auf den ollen Aristoteles zurückgeht.
„Ockhams Razor“ besagt vereinfacht formuliert, dass von zwei unbewiesenem Theorien, die beide gleichen Anspruch auf die Lösung eines Problems erheben, diejenige vorzuziehen sei, die weniger Voraussetzungen benötigt, um das Problem zu lösen.
Heute nennt man das auch das „Sparsamkeitsprinzip der Wissenschaft“ – ich würde es als ein Gebot zur Verwendung „schlanker“ Theorien interpretieren.

Machen wir uns nichts vor: wenn die Realität tatsächlich kompliziert ist, hat die schlanke Theorie Unrecht, Sparsamkeit hin oder her – der Ansatz ist ein rein methodischer.

Auf den Glauben bezogen würde das bedeuten, dass „Gott“ eine Hypothese ist, die nicht dem Sparsamkeitsgebot genügt, weil der Mensch sich, statt seine Begrenztheit in Existenz und Weltverständnis zu akzeptieren, ein Wesen erschafft, dass diese Grenzen weiter nach außen, hinter es selbst verschiebt.

Und an der Stelle fällt es uns sonderbarerweise leicht, genau die Grenzen zu akzeptieren, die wir in unserer direkten Nähe nicht dulden.
Insofern wäre Gott eine „unsparsame“ und damit methodisch zu verwerfende Zusatzhypothese, die für die Suche nach der Antwort auf die beiden angesprochenen Grundfragen nicht notwendig erforderlich ist.

Ein Taschenspielertrick?

Sieht so aus, aber wie gesagt: nur weil eine Theorie schlanker ist, muss sie nicht richtiger sein. Sie ist nur ein bisschen wahrscheinlicher, weil sie weniger Voraussetzungen benötigt.

Doch was ist mit der Hoffnung? Die kann uns doch nur der Glaube geben, oder nicht?

Das stimmt wohl, und damit sind wir wieder so ein bisschen bei Blaise Pascal. Der „Ungläubige“ scheint mit seiner Angst und ohne Hoffnung leben zu müssen, und hat durch diese Bürde schlechte Karten auf dem Weg zum Lebensglück.

Aber hier kommen unsere Prise Camus und sein „Der Mythos des Sisyphos“ und der Spritzer Existenzphilosophie ins Spiel – auch hierfür gibt es ein Gegenargument:

Wenn es dem Menschen gelingt, seinen Tod anzunehmen, zu akzeptieren und ihm ins Auge zu sehen, erhandelt er sich für den Zweifel eine große innere Stärke, die sich im Leben als ein ebenso großes Kraftmoment darstellen kann, wie die Hoffnung im Glauben.

So halten sich die Argumente die Waage:

Nach Blaise Pascal ist es vernünftig und plausibel an Gott zu glauben, und wenn man Ockhams Rasiermesser herbei zitiert, so wird der Glaube zu einer Art unerlaubten Denkoperation, die uns im Hinblick auf die Welterklärung nicht wirklich weiterbringt.

Wer hat recht?

Ich weiß es nicht. Wer weiß das schon. Aber es ist spannend darüber nachzudenken (wenn man nicht gerade dabei ist ein Buttebrot für seine Kinder zu schmieren, oder einen Kunden glücklich zu machen, damit am Monatsende die Kasse stimmt…)

„Traurig grüß ich den, der ich hätte sein können.“ – oder: vom Leben im Konjunktiv

Wenn wir die Menschen um uns herum betrachten, wie sie in schwierigen Zeiten versuchen ihr Leben zu organisieren, und sich einen Pfad durch das Dickicht wirtschaftlicher und existentieller Ängste und Gefahren zu bahnen, so stellen wir gelegentlich fest, dass sie sich außerhalb der hektischen Besorgung alltäglicher Geschäfte zu einer Reise aufgemacht haben.

Irgendwann, frustriert vom Anreiten gegen die täglichen Windmühlen, haben sie innerlich ihr Bündel geschnürt und sich auf den Weg gemacht in eine neue, verheißungsvolle Heimat – das Land des Konjunktivs.

Wenn man diese Reisenden antrifft und mit ihnen spricht, so vernimmt man einen Hang zu den für den Konjunktiv bezeichnenden Vokabeln „könnte“, „sollte“ und „würde“, bzw. wortreichen Ersetzungen derselben, die dann wiederum oft einen sich selbst entschuldigenden Beiklang haben –

eine Entschuldigung dafür, dass man meint, dem Konjunktiv aus ach so vielen persönlichen und fremdbestimmenden Gründen nicht entgehen zu können.

In einer globalisierten und von Ellbogen dominierten Welt wird es zunehmend schwieriger sich selbst kleine Träume zu erfüllen und existentiell drängende Vorsätze in die Tat umzusetzen.

piccaAndererseits besteht eine große Gefahr unserer bunten Glitzerwelt des Konsums und des lauthals vernehmbaren Werbegeschreis der Konzerne darin, dass uns alltäglich Träume in die Köpfe manipuliert werden, die für den größten Teil der Menschen unerreichbar sind, und die jene, die sich die Bewahrheitung eines solchen Trugbildes unter Anstrengungen ermöglichen können, seltsam leer lassen, und die keinesfalls die Erfüllung bieten, die uns vorher durch den multimedialen Overkill in Aussicht gestellt worden ist.

Beide Gruppen verbindet die unerfüllte Hatz auf das, was sie fälschlich für traumhaft und erstrebenswert halten, eine Jagd auf Chimären, die sich Konzerne und falsche Propheten wiederum zunutze machen, um sich an den durch ihr Leben irrenden Menschen weiter bereichern zu können.

Und so flüchten sich die Unzufriedenen in eine Welt des „Vielleicht“, der hochtrabenden, und Linderung von Hektik und Stress versprechenden Ziele, von denen sie aber weiter entfernt sind als unser Erdball von Alpha Centauri.

Sie sagen:“ Ich müsste dringend etwas ändern“, oder wiederholen gebetsmühlenartig ihr tägliches „Ich würde mir einen Traum erfüllen, wenn nicht die Umstände so gegen mich wären.“

Das „sollte“ und „wäre“, das „könnte“, „müsste“ und „würde“ werden zur nichtssagenden Terminologie ihrer Existenz, die sich augenscheinlich nur noch im schalen Dämmertraum von einer besseren Welt ertragen lässt.

blochDer helle, in der Realität fußende und uns wach für die wahrhaft wertvollen Möglichkeiten des Seins machende Tagtraum aus Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“, und die gesellschaftlich gestalterische Kraft seines Begriffes der „konkreten Utopie“ haben keine Chance gegen das flache Verlangen nach Zerstreuung und Erlösung aus dem Jammertal der wirtschaftlichen Angst und der existentiellen Frustration.

Manchmal spielt der Konjunktiv ein sich verstellendes Versteckspiel mit uns und kleidet sich in das Gewand strengerer Vokabeln –

ein „ich würde“ mutiert verbal zu einem „ich werde“ und ein „ich müsste“ zum moralisch stärkeren, weil keinen Widerspruch zu dulden scheinenden Appell, obwohl tiefinnerlich das resignative Gefühl schon längst oder immer noch die Oberhand hat.

Den größten Schritt ab vom Weg zum wahren Glück machen diejenigen, bei denen der Konjunktiv einer der Vergangenheit und keiner der unbestimmten Zukunft ist.

Für sie wird das „Weißt Du noch als wir…“ und „Wenn ich noch einmal jung wäre…“ zum Credo ihres durch den gesellschaftlichen Massendruck als verdorben empfundenen Lebens, und sie berauben sich gänzlich einer Veränderung des zwar als übermächtig gefühlten, aber immerhin noch formbaren „Was da kommen mag“.

So streben wir nach Zielen, die keine sind und jagen nach dem Haben, weil wir den Wert des Seins und des Ruhens in uns selbst vergessen zu haben scheinen.

Das größte Verbrechen begehen wir an unseren Kindern, die ebenso schon vom Virus der „Generation Statussymbol“ infiziert sind.

Da wo wir als Kinder aus bunten Legoquadern die wunderbarsten Kunstwerke schufen, benötigen unsere Kinder heute einen 200-Euro Bausatz, der sich ohne eine buchdicke Bauanleitung nicht in etwas Vorzeigbares verwandeln lässt.

Ihre Wünsche sind bereits vom Statusdenken und nicht mehr von den Grundbedürfnissen des Kindseins gesteuert, und es ist unsere Aufgabe, ihnen das zurückzuschenken, was wir verloren haben und ihnen aus diesem Grund nicht geben konnten.

Doch manchmal hören auch wir leise den Ruf unserer verschütten Kindheitsträume – Träume, die uns Glück verhießen und Fröhlichkeit versprachen – Träume, die kein Geld benötigten, um realisiert zu werden, die in den kleinen Dingen lagen, der Freude am Spiel, der Freundschaft und Liebe und in der Kreativität und der Phantasie.

Es kommt darauf an, dass wir diesen Stimmen wieder Gehör verschaffen und ihr Versprechen zu leben versuchen, weg von den Dingen, hin zu seelischen Werten, die auf ein Glück jenseits einer durch den Konsum stimulierten fragwürdigen Zufriedenheit hoffen lassen.

Dazu gibt es keine Alternative, und es dürfen keine ausweichenden Ausreden ins Feld geführt werden.

Hier muss das unbedingte „Du bist, was Du tust!“ des Existentialismus gelten, damit wir einen Weg aus den uns aufgezwungenen Irrgärten des Glücks finden, und damit wir endlich aufhören bis zum Ende als zweibeinige Absichtserklärungen vor uns hinzuleben…

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

– Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung –


Im Konjunktiv

Zu viele leben exzessiv
in fremden Dimensionen,
ihr Leben spielt im Konjunktiv
voll leerer Ambitionen.

Die wahre Welt ist zwar real,
doch kennt sie keine Helden,
so träumt man sich ins Ideal,
hat endlich was zu melden.

Ein “hätte” wird zum ist-Ersatz,
das “könnte” zur Parole,
und selbst der größte Hosenmatz
schwenkt seine Gloriole.

Im groß zu tun, statt großem Tun
verlegt man sich aufs “sollte”,
lebt gänzlich wirklichkeitsimmun,
bepreist sein schales “wollte”.

Die Würde stirbt als Korrektiv,
das “würde” scheint zu lohnen,
den Tagtraum träumt man obsessiv,
lebt blind in Illusionen.

Achtung: Hirnschmalzakrobatik…

Hier darf es mal ohne schlechtes Gewissen schwierig sein, und ich muss keine Rücksicht darauf nehmen, ob ich für alle verständlich bin oder nicht.

Im Prinzip bin ich ja ohnehin der Meinung, dass die größten Hürden in der Philosophie weniger im intellektuellen Schwierigkeitsgrad begründet liegen, sondern sich mehr im Bereich von Willensstärke in Hinblick darauf finden, althergebrachte und mitunter überholte „Denk- und Fühlmodelle“ auf dem Scheiterhaufen des Denkfortschritts und der Entwicklung des eigenen Charakters zu opfern.

Ich halte die Welt für eine relativ einfache Sache in der Struktur, die weniger schwer zu verstehen ist, wenn man man den Mut hat sie wirklich verstehen zu wollen…