Die Hege und Pflege der Trolle

Entgegen seinen pelzigen Vorfahren, die zur hohen Zeit nordischer Mythologie marodierend die Reiche der Mitternachtssonne heimsuchten, ist der gemeine Forentroll heutzutage in fast allen Regionen der Welt anzutreffen. Ausnahmen hierzu bieten nur einige wenige Breiten- und Längengrade, die noch nicht von galoppierender Digitalisierung überrollt wurden. Dort sind selbst für das winterharte Ungetüm des Nordens die Lebensbedingungen zu karg.

Zu einer regelrechten Plage indes hat sich der Troll in industrialisierten Gesellschaften gemausert, in der freie Meinungsäußerung und digital getriebene Kommunikation einen idealen Nährboden für sein destruktives Treiben bieten. Dort kann er tun und sagen, was er will und sich bei Widerspruch auf die Meinungs- und Redefreiheit berufen, die sowohl die Jagd als auch die Gefangennahme dieses einzigartigen Diskurs-Unholds nahezu unmöglich macht.

Naturschutz … auch das noch …

Schlimmer noch: Als letztes überlebendes Relikt einer Ära, in der Konflikte durch das gegenseitige Zufügen klaffender Wunden mittels schwerer und von Schimmel überzogener Holzkeulen gelöst wurden, steht er in vielen Ländern unter Naturschutz. Dort gedeiht er geradezu ideal unter dem Deckmantel falsch verstandener politischer Korrektheit. Bei weitgehender Narrenfreiheit verwüstet er nicht hat nur die politische Landschaft. Ebenso zerstört er jede fruchtbare Dialektik und sät Unfrieden, wo  gesunde Konfliktkultur, gemeinsamer Schulterschluss und gegenseitige Empathie ansonsten den Nährboden für gesellschaftlichen Fortschritt bilden.

Seine besondere Gefahr gründet der gemeine Forentroll auf eine einzigartige Melange aus einem sozialisationsbedingten Intelligenzdefekt, der auch den grobschlächtigen Ork kennzeichnet, sowie der Verschlagenheit des bauernschlauen nordischen Kobolds, der Hinterlist zur Überlebensstrategie erkoren hat. Auch größenmäßig rangiert der Troll zwischen den beiden anderen tumben Fabelwesen des Nordens. Seine gedrungene und verwachsene Statur ist einer der Gründe für sein ausgeprägt kleines Selbstvertrauen, das er durch allerlei sprachlichen Pomp auszugleichen bemüht ist.

Das evolutionstheoretisch Sensationelle des Trolls fußt auf seiner ausgezeichneten Fähigkeit, trotz der Intelligenz eines Eichhörnchens sinnleere Sätze von hohem Aggressionspotenzial zu formulieren und vehement auch gegen überlegene Denker zu verteidigen. Dazu bedient er sich nicht nur eines beratungsresistenten rückenmarksgesteuerten Sophismus, sondern ebenso dem ausgeprägten Vermögen, sowohl auf erstaunlich subtile wie auf sehr direkte Weise beleidigend zu werden. Trotz seines augenscheinlich trägen geistigen Habitus ist er gelegentlich zu überraschender Wendigkeit fähig, wenn er bereits Gesagtes opportunistisch relativiert oder gänzlich kontrafaktisch abstreitet, um anschließend das Geäußerte als alten Wein in neuen Schläuchen wieder unters Volk zu bringen.

Typische Troll-Täuschung mit Titeln

Aufgrund seiner hohen Begabung, durch rhetorisches Lametta selbst das Dümmste klug scheinen zu lassen, sollen es einzelne Exemplare vollbracht haben, Doktorgrade oft zweifelhafter Bildungseinrichtungen zu erlangen. Anderen soll es gelungen sein, durch verlogene Anbiederung und betrügerische Versprechungen gegenüber dem ansonsten scheuen „Kunden“ zu nicht geringen Goldschätzen gekommen zu sein, die ihnen den Erwerb akademischer Grade jenseits jeglicher wissenschaftlicher Legitimation erlaubten.

Es ist genau dieses Potpourri von Eigenschaften, das den gemeinen Troll zugleich faszinierend, aber auch in schillernder Weise widerwärtig macht. Mit fortschreitender Digitalisierung begegnet man ihm immer öfter – einerseits weil diese den Mutterboden seiner rasanten Vermehrung liefert, andererseits weil sie es ihm in herausragender Weise ermöglicht, sich aus der Kälte intellektueller Ödnis ins Licht der Öffentlichkeit zu drängen. Begegnet man ihm, ist außerordentliche Vorsicht vonnöten. Seine extreme Resistenz erlaubt kaum, ihn zu töten.

Sofern Totstellen und Flucht aus Gründen ehrwürdiger Prinzipientreue keine Alternativen stellen, ist von Frontalangriffen abzuraten. In aller Regel zeigt er sich dieser Form, seiner Herr zu werden, mehr als gewachsen und vergiftet die Atmosphäre seines Umfeldes noch schneller, als er es ohnehin schon täte. Als beste Reaktion hat es sich erwiesen, ihn nachhaltig zu ignorieren statt ihn mit immer neuen Anknüpfungspunkten zu füttern. Nur wenn man ihn dauerhaft in seinem eigenen Saft schmoren lässt, gelingt es, ihn zumindest mundtot zu machen, wenn auch nicht, ihn wirklich zu erlegen.

Ein Unhold, der nicht vergeht

Im Großen und Ganzen müssen wir lernen, mit dem Troll zu leben. Er ist als Unhold ein Unkraut, das nicht vergeht. Weiß man jedoch, ihm nachhaltig intelligent zu begegnen, ohne Opfer seiner haltlosen Provokationen zu werden, wird er sich in seine Höhle zurückziehen, und die Welt wird ein besserer Ort für alle werden.

Die zehn Top-Tipps im Umgang mit Trollen

  1. Wenn die Klügeren immer nachgeben, gewinnen die Dummen? Von wegen. Anhaltender Widerspruch treibt den Troll zu hinterfotzigen Höhenflügen. Dabei versteigt er sich zu unaufhaltbaren Tiraden gegen Einzelne, das Umfeld, die Gesellschaft und, wenn es sein muss, das Universum. Lassen Sie ihn links liegen und vielleicht trollt er sich seines Weges.
  1. Füttern Sie ihn nicht. Auf keinen Fall dürfen Sie seiner Arglist durch Argumente Nahrung geben. Halten Sie Abstand und ihn mit einer langen Stange in Schach. Bewegen Sie sich langsam und aufrecht rückwärts, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Beweisen Sie Stärke durch einen stahlharten Blick, der ihm signalisiert, durchschaut zu sein und entzaubert zu werden.
  1. Stellen Sie sich ihm nicht allein. Diesen Kampf können Sie nicht gewinnen. Wer das wagt, wird in seinen destruktiven Strudel gezogen. Nicht wenige mussten den heroischen Kampf im Namen, aber ohne den Auftrag der anderen bitter bereuen. Dann wurden sie mitschuldig gemacht am Ende der Forenkultur und aus dem Herzen der Gemeinschaft verstoßen.
  1. Sachliche Diskurse sind was für Loser. Niemals will der Troll eine Diskussion durch höhere Einsicht zum Abschluss bringen. Im Gegenteil: Er trachtet danach, die Emotionen hochkochen zu lassen und auf großer Flamme zu schüren, bis die Gruppe sich in Auflösung befindet. Dann gibt er nicht etwa Ruhe. Er tritt nach, überzieht die Entnervten mit Häme und sucht sich ein neues Ziel.
  1. Lassen Sie sich nicht blenden. Aufgrund seiner hohen Begabung, durch rhetorisches Lametta selbst das Dümmste klug scheinen zu lassen, sollen es Exemplare vollbracht haben, Doktorgrade zweifelhafter Bildungseinrichtungen zu erlangen. Titel, die nicht gekauft wurden, sind auf andere Weise ergaunert. Das Fadenscheinige ist die Basis seiner falschen Glaubwürdigkeit.
  1. Vergessen Sie Realität und politische Korrektheit. Seine postfaktische Beratungsresistenz ist legendär und existierte schon lange, bevor diese Worte erfunden waren. Der Troll ist hervorragend angepasst an kritische Umgebungen. Sein vegetatives Nervensystem ist blitzschnell in der Lage, alternative Fakten zu generieren und gleichermaßen hirnlos wie wortreich zu verteidigen.
  1. Pampern Sie ihn nicht. Seiner verbalen Inkontinenz ist keine geistige Windel gewachsen. Sie wollen seinen guten Kern ergründen? Papperlapapp. Jeder Versuch von Verständnis ist Wasser auf seine Mühlen und überzeugt ihn weiter davon, es den Bier-Anwärmern und Kaffeepad-Auswringern schon zeigen zu können. Die Folgen daraus wollen Sie nicht tragen.
  1. Sie haben seine Aufmerksamkeit? Bloß nichts darauf einbilden. Wenn er sie auf dem Schirm hat, hat er sie auch auf dem Kieker Wenn er sie wahrnimmt, dann durchs Fadenkreuz der Flinte, mit der er auf Ihr Herz angelegt hat. Er lächelt sie an? Niemals! Es ist nur das Grinsen des Unholds, der sich bereits ausmalt, wie er Sie in den Wahnsinn treiben kann.
  1. Sie suchen die offene Feldschlacht gemeinsam mit anderen? Miese Idee. In Kürze wird er Sie und die Mitstreiter gegeneinander aufwiegeln, die er nicht mit per erstem „Buh“ in die Flucht schrecken kann. Besser eine Guerillataktik der kleinen Nadelstiche wählen. Machen Sie sich lustig über ihn und ziehen Sie sich zurück, ohne ihm die Chance zur Reaktion zu geben.
  1. Sie sind Masochist? Prima. Sie werden viel Freude mit dem Troll haben, gerade wenn Sie auf seelische Erniedrigung und emotionale Folter stehen. Treten Sie vor ihn, machen Sie sich klein und küssen Sie devot seine rissigen Stiefel mit den Hallux-Valgus-Beulen. Seien Sie sicher, dass er kein Mitleid kennt. Er wird auf ihnen herumtrampeln, dass es nur so eine Freude ist. Und die anderen werden froh sein, dass Sie es sind.

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