Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Fußball Wahrheit Platz

Otto Rehagel ist ein Fußballweiser. Aber damit steht er nicht allein. Nahezu jeder, der sich am Wochenende ein Fußballspiel live oder am TV ansieht, hält sich für ebenso kompetent.

Schlimmer noch: Alle wissen alles besser. Und alle fordern sofort und zuerst den Kopf des Trainers, wenn der eigene Verein nicht den Erfolg hat, den sich der Zuschauer wünscht.

Wenn ein paar Spiele verloren gehen, werden die Helden von vor ein paar Wochen in den Herzen der Fans plötzlich zu arbeitsscheuen Ackergäulen. Auf der Tribüne regt sich der Unmut in Form von verbalen Pöbeleien, wenig schmeichelhaften Spruchbändern und geworfenen Sitzkissen. Trainer und Spieler werden allzu schnell der Arbeitsverweigerung bezichtigt, obwohl sie nur Formschwankungen unterliegen, die im Arbeitsprozess immer mal wieder vorkommen können. Und auch die Zuschauer selbst sind im Beruf nicht frei davon, wenn sie ehrlich sind.

Dabei vergessen die Fans oft ein paar grundlegende Tatsachen. Verdiente Millionen machen nicht per se schneller, nicht stärker und nicht automatisch erfolgreicher. Insbesondere geben sie nicht mehr Anlass dazu, alles zu geben, als es die Löhne und Gehälter der Zuschauer tun. Denn ob ein paar Millionen oder ein paar Tausend Euro pro Jahr: Ich bin immer verpflichtet, für mein Geld alles zu geben. Und nur daran sollte das Stadionrund die Spieler messen.

Profi-Fußballer sind Spitzensportler und das gilt auch für die Spieler der gegnerischen Mannschaft. Leichte Siege sind nicht selbstverständlich, wenn der Gegner gut eingestellt ist und aufopferungsvoll kämpft. Ein Fußballspiel ist ein zähes Ringen mit oft ungewissem und gelegentlich überraschendem Ausgang. Sein Team ausschließlich am  Erfolg zu messen, geht deshalb an der Realität vorbei. Was zählt, ist einzig und allein der unbedingte Wille zum Sieg, den die Spieler an Tag legen. Doch die Formel scheint zu einfach und zu verlockend, um sie zu hinterfragen: Kein Erfolg = zu faul zu Laufen.

Was treibt die Zuschauer auf der Tribüne dazu, derart ungerechtfertigt den Stab über Trainer und Spieler zu brechen? Und was gibt ihnen das Gefühl, bei einem Sieg selbst mitgespielt zu haben, obwohl man nur Sprechchöre skandiert hat, während die Spieler sich auf dem Grün abgerackert haben?

Fußballprofis gegenüber herrscht eine Art Stellvertreterdenken: Oftmals sollen die Kicker des Stammvereins den Erfolg haben, den die Zuschauer in ihren Leben vermissen müssen. Wenn sich die erhofften Siege einstellen, greift das große Wir-Gefühl und alle haben mitgespielt. Bleiben die Erfolgserlebnisse aus, sind es plötzlich die Spieler allein, die die Niederlage zu verantworten haben. Statt zum Schulterschluss kommt es zum Liebesentzug – oftmals jäh und schmerzhaft.

Köpfe müssen rollen und nicht selten ist es das Publikum, das eine Trainerentlassung entweder erzwingt oder dem Vereinsvorstand den Vorwand dazu bietet. Doch mal ehrlich: Welcher Fußballfan würde akzeptieren, im eigenen Beruf permanent an kurzfristigen Erfolgserlebnissen gemessen zu werden? Wohl niemand – und kaum einer würde es aushalten, dauerhaft mit der absoluten Spitze in seinem Job verglichen zu werden. Irgendwie hat das Problem hier auch eine biblische Komponente: „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Es ist leicht von Gladiatoren den vollen Einsatz zu verlangen, obwohl man selbst mit seinen Lebenschancen fahrlässig und verschwenderisch umgegangen ist.

Wenn ein Fußballer im Bruchteil einer Sekunde unter dem Druck des Gegenspielers eine fatale Entscheidung trifft, gilt er schnell als überbezahlter Versager. Dabei blendet der Fan allzu gern die eigenen Fehlleistungen aus, bei denen er sicher mehr Zeit hatte, die rechten Schritte zu tun. Und wer am Arbeitsplatz die Angebote von eBay und Amazon durchstöbert, statt seine volle Leistung zu bringen, hat nicht das Recht zu Pöbeleien gegen einen Spieler, der nach einem harten Sprint mal durchschnaufen muss. Letzterer zumindest ist an seine Grenze gegangen, so wie es sich gehört.

Die Briten kennen eine feine sprachliche Unterscheidung, die uns im Deutschen nur als Wortspiel zur Verfügung steht: „Do you earn, what you deserve?“ fragen sie: „Verdienst Du, was Du verdienst?“
Wer über die Millionengehälter der Fußballspieler wettert, sollte berücksichtigen, dass lange Lehrjahre, viel Biss und ein permanenter Leistungswille nötig sind, um an die großen Verträge zu kommen. Ein Spitzenfußballer hat mehr Konkurrenz auf dem Weg nach oben verdrängen müssen als mancher Abteilungsleiter. Ohne absolute Hingabe kann man als Fußballprofi die Spitze nicht erreichen.

Aus Sicht des Fußballers sieht die Angelegenheit allerdings etwas anders aus. Als Fußballprofi muss ich die soeben formulierte Ungerechtigkeit akzeptieren. Sie sollte Teil meines Selbstverständnisses sein. Eben deshalb ist ein Teil des Fußballerhonorars auch Schmerzensgeld. So ungerecht ich es als Fußballer auch finde: Ich habe weder das Recht, mein Publikum um meine Leistung zu betrügen, noch darf ich es gering achten. Ich muss wissen, welche Funktion ich auch neben dem Spiel habe und darf nicht nur den Jubel einheimsen, wenn es läuft. Ich muss auch die Kritik aushalten können, so ungerechtfertigt sie auch scheinen mag, wenn der Erfolg ausbleibt.

Ungeachtet aller Publikumsschelte muss ich eines sein und sein wollen: ein Vorbild. Mein verdientes Geld verdanke ich auch den Zuschauern, die das Stadion füllen und Trikots mit meiner Rückennummer kaufen. Statt die Fans für ihre Ignoranz zu schelten, sollte ich immer repräsentieren, dass man mit Leistung auch hoch gesteckte Ziele erreichen kann. Kritischen Rufen von den Rängen begegne ich nicht mit Häme, sondern mit unvermindertem Einsatz für mein Team und mein Publikum. Viele haben es nicht einfach auf der Tribüne, verschuldet und unverschuldet. Als Fußballer bin ich nicht da, ihr Leben zu reparieren, wohl aber, es ihnen ein bisschen schöner zu machen.

 

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