Ein graues Nasenhaar, oder warum ich nicht mehr auf eine Ü30-Party gehe…

altertuemchen„Was willst DU denn auf einer Ü30-Party?“ musste ich mich letztlich fragen lassen, als ich meiner Freundin Mitteilung von der Idee meines besten Freundes machte, wie der letzte Samstag rein männerfreundschaftstechnisch zu begehen sei.

Nun muss man wissen: ich bin 44 und erfülle damit zumindest die von den Ausrichtern geforderte Grundbedingung zum Besuch eines solchen profilneurotischen, weil vorwiegend marktwertbestimmenden Großereignisses – doch fand ich es irgendwie klüger, ihre nicht ganz ausschließlich rhetorisch gemeinte Frage auf das vermutlich übergroße Angebot paarungswilliger und mehr oder minder alleinstehender Frauen zurückzuführen, statt es als einen Hinweis auf meine doch schon erheblich fortgeschrittene Zahl an Lenzen zu schieben.

Natürlich weiß ich noch aus Zeiten, in denen mich vor dem Verlassen des Hauses keine langwierigen Dehnübungen und der vorbeugende Genuss elektrolythaltiger Speisen und Getränke vom größtmöglichen Einsatz bei der Körperpflege abgehalten haben, dass die beste Gelegenheit für einen annähernd Vierzigjährigen, eine Frau von Mitte 20 in die heimische Bettstatt zu manövrieren eben eine jener Parties zur Unterhaltung angehender geriatrischer Problemfälle ist, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem vertrocknenden Humus des gelangweilten Mittelalters geschossen sind;
und so schienen mir ihre Einwände natürlich nur allzu verständlich…

Beim späteren Blick in den Spiegel im heimischen Badezimmer überfielen mich dann jedoch zuerst leise, dann sich aber immer drängender gebärdende Zweifel –

Ich musste zugeben, der Zahn der Zeit hat das Seine an mir vollbracht:

Mit Mitte 40 fühlt man sich ja so ein bisschen, wie ein Kicker in der achzigsten Minute im großen Fußballspiel des Lebens, von dem der große Sportreporter im Himmel sagt: „Es ist Zeit für ein erstes Fazit.“, und hat das fast sichere Gefühl, als wollte das johlende Publikum das einem eigene, schon nah gefühlte Karriereende früher herbeiskandieren, als man es selber wahrhaben will…

Mein Körper gemahnt weniger an die vier Marathons, durch die ich mich quälte, als an die Menge Muffins, Margarine und Mascarpone, die ich mit den Jahren durch meinen Stoffwechsel geschleust habe…

Die optische Fülle meines Kopfbewuches ist eher einem allmorgendlichen hochfiligranen Legespiel zu verdanken, denn einem jugendlichen Überfluss an willigen Kappillaren und den sie steuernden männlichen Hormonen…

Mein Herz überschlägt sich schon beim Befüllen einer Kaffeetasse in einem wirbelnden Stakkato rhythmusgestörter Hyperaktivität, den ich in früheren Jahren auch unter intensivsten Trainingsanstrengungen nicht herbeizuführen vermochte…

Magen und Darm sind in einem derart bedauernswerten Zustand, dass mir Averna, Ramazotti und Fernet Branca wie die letzten mir noch als wirksam bekannten Ballaststoffe vorkommen…

…und erotisch bilde ich mir ein, höhere Ebenen der eigenen Lust durch eine reifebedingt gesteigerte Genussfähigkeit zu erreichen, und die Lust des Gegenübers durch ein Mehr erfahrungsbegründeter tantragleicher sexueller Kniffe zu steigern – wo sich doch eigentlich die erlahmende Potenz als verzweifelte und vermutlich gänzlich unbegründete Altershybris maskiert…

Doch um mich noch einmal dem Haarwuchs, als dem schlechthinnigen Muster männlicher Verfallserscheinung zu nähern:

Beim kritischen Blick in den Spiegel fällt mir auf, dass mein Haarwuchs an all jenen Stellen neue Rekordmarken erreicht, die eben nicht unbedingt von samsongleicher Männlichkeit zeugen, während er in den für das eigene Selbstbild so wichtigen Arealen (jenseits der zu buschigen Raupen mutierten Augenbrauen) vielerlei Grund für mannigfaltige Frustration liefert, weil dort die Haarwurzeln ein vergebliches Rückzugsgefecht gegen die verebbende Versorgung aus der mit den Jahren geschwächten Epidermis des Kopfes kämpfen…

Ein einziges graues Haar in einem meiner polypenverengten Nasenlöcher überzeugt mich dann endgültig von der Entscheidung, vom Besuch der eingangs erwähnten Volksbelustigung Abstand zu nehmen.

Wie kann ich sicher sein, nicht auf dem Höhepunkt der abendlichen prägeriatrischen Balz plötzlich von einer dieser unvermeidbaren Geißeln des Alters kompromittiert zu werden?

Und möchte ich wirklich meinen im Freudeskreis legendären, leichtlockeren und überaus eloquenten Flirtstil gegen ein angestrengt anmutendes Verkaufsgespräch tauschen, in dem der unredliche Verkäufer die wenigen Vorzüge des Produktes preist, während er den Überhang an Gegenargumenten für den Kauf geflissentlich unter den Teppich kehrt, nur um auf Teufel komm raus zum Abschluss zu kommen?

Eindeutig nein – da bewahre ich mir lieber unter mangelndem Aufweis des Gegenteiles den Nimbus vergangener Tage und geselle mich abends zu meiner Freundin aufs gemütliche heimische Sofa.

Es läuft eine interessante Reportage über die Tierwelt Afrikas und noch bevor ich schwerlidrig in das allabendliche Wachkoma falle höre ich sie verliebt flöten: „Schatz, hör mal die Flusspferde… Fast so wie Du, wenn du nachts an meiner Seite liegst…“

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