„Ich mach das sonst nie…“ oder: von der Last mit der Liebe in mittleren Jahren

Liebe in mittleren Jahren

Teil I: Ausgangssituation

Es ist schon eine Last mit der Liebe in mittleren Jahren.
Sicher gilt das nicht für alle jene, die in der Mitte des Lebens stehen, wohl aber für viele, deren meist erste Ehe, oder langjährige Beziehung an den harten Klippen des Alltags im Konflikt zerschellt, oder am schleichenden Übergang von großer Liebe und Vernarrtheit zur Gewöhnung und am Ende zur Gleichgültigkeit zerbrochen ist.

Nun ergibt es sprachlich ein schiefes Bild, wenn wir von den Scherben einer Liebe und damit einer ganzen Existenz sprechen, und eine spätere neue Beziehung als „Patchworkfamilie“ betiteln. Irgendwie ist es ja häufig mehr ein schiefes Kunstwerk hobbymäßig ungeschickter Bleiverglasung der umherliegenden Bruchstücke zweier Familien, dessen Entstehung und Erhalt nur allzu häufig den feigen und gemeinen Steinwürfen eines, oder gar beider Expartner ausgesetzt ist.

Na ja – sofern nicht einer der beiden neuen Partner das frisch gefundene Glück dadurch belastet, dass er sich selber im Werfen von Geschossen gegen die alte Liebe erschöpft und damit die neu gefundene Chance durch einen Grabenkrieg gegen die alte Verbindung aufs Spiel setzt.
Aber auch hier gibt es einen interessanten Seitenweg: der neue Partner beteiligt sich an der Hexenjagd gegen den verflossenen und hilft damit der neuen Beziehung, wenn auch keinen tieferen, so doch (in Ermangelung eines Besseren) einen für eine gewisse Zeit tragfähigen Sinn zu geben.

Aber letztlich ist das nicht das Thema, weil hier schon andiskutiert wurde, was im (manchmal zweifelhaften) Idealfall am langen Ende des Leidensweges steht, den Getrennte, Verlassene, Betrogene und irgendwie verlorenen Seelen des Mittelalters zu gehen haben.

Flachbrüstiges Schlagergeträller im Stil von „Du hast mich 1000x belogen…“ wird zur Hymne einer ganzen Generation von Liebesenttäuschten, die im womöglich vorher geschehenen Seitensprung des Partners eine moralisch eindimensionale Begründung für ihr Unglück sehen, aber nicht gleichzeitig in der Lage sind zu realisieren, dass das Fremdgehen in vielen Fällen nur eine Folge der schleichenden Entfremdung beider ist, an der auch der scheinbar integrere Partner einen Teil Verantwortung zu tragen hat.

Betrachten wir nun die Rolle der Geschlechter am Anfang des Weges in ein neues Glück etwas genauer:

Auferstanden als etwas flügelsteifer Phönix aus den Ruinen und der Asche des alten Glücks unternimmt man die ersten zaghaften Flugversuche und holt sich zumeist ein paar dicke Beulen, weil man den perfekten Start, einen im Idealfall majestätisch anmutenden Flug und eine gelungene Landung erst wieder neu erlernen muss.
In gewisser Weise ist man ja mit den Jahren zu einem domestizierten Wildvogel mutiert, der sich erst wieder in freier Wildbahn zurechtfinden muss.
Diese Auswilderung birgt neben neuen spannenden Abenteuern natürlich auch Gefahren in sich – besonders für Frauen…

So ganz werden wir in der Diskussion nicht ohne Platitüden auskommen können.
Man möge dem Autor das großherzig nachsehen und bedenken, dass eine Platitüde ja nicht notwendig falsch, sondern häufig im Gegenteil eher richtig ist, auch wenn sie zu Recht daran leidet, dass sie Einzelfälle ausblendet, und die verbliebene Verkürzung der Wirklichkeit eher wie ein plakatives Schlagwort und weniger wie ein echtes Argument daherkommt.

Am Ende einer Beziehung gibt es meistens keinen Gewinner.
Auch wenn sich nicht beide zugleich und gegenseitig das Scheitern ihrer Beziehung eingestehen können, und nur einer der Partner als Triebfeder der Auflösung zu sehen ist, so verlieren doch beide gleichermaßen: der gemeinsame Traum ist gescheitert, die Seifenblase vom gemeinsamen Glück jäh und schmerzhaft zerplatzt.

Abgesehen von Einzelfällen und unabhängig von Schuldfragen leiden Frauen häufig „tiefer“ und Männer „breiter“.

Frauen leiden in ihrer Seele – ein fast tödlicher Stachel hat sich tief in ihr Herz gebohrt und verursacht manchmal schier unmenschiche Schmerzen. Hinzu kommt (gerade wenn Kinder im Spiel sind) die oftmals nicht unbegründete Angst auf das soziale Abstellgleis zu geraten.

Auch Männer leiden (entgegen anders lautender Vorurteile) diesen Schmerz.
Dieser wird jedoch überlagert durch den häufig vom Vater ererbten und durch die Sozialisation in einer Männergesellschaft vertieften männlichen Stolz und ein irgendwie schiefes Männlichkeitsideal.
Insofern dringt der Herzstachel beim Mann nicht so tief – sein Problem ist eher die breit gestreute Schrotladung, die sein Ego perforiert hat.

Frauen durchleiden ihren Schmerz und verfügen als emotional geübtere Wesen über ein gut sortiertes Instrumentarium zur Schmerzbewältigung.
Eines ihrer besten Mittel im Kampf gegen des Leiden sind die Fähigkeit und der Mut den Dingen ins Gesicht zu sehen, sich mit den Tatsachen und dem aus ihnen geborenen Schmerz auseinanderzusetzen, während der Mann eher ausweichend-ängstlich auf eine Vogel-Strauß-Politik setzt.
Da wo die Frau schon „durchzustehen“ begonnen hat, ist der Mann häufig noch Gefangener seines Kopfes und seiner durch das tradierte Männerbild verursachten Verstockheit. Es ist ihm oft nicht möglich, rational zu verstehen, was zum Scheitern des gemeinsamen Glücks geführt hat.
Das ist so lange auch kein Wunder, wie er die Ursachen geschlechtstypisch mit seinem Verstand zu ergründen versucht.

Männer sind Konstrukteure. Sie sind die Architekten einer Beziehung und fühlen sich verantwortlich und zuständig für den funktionierenden Rahmen des gemeinsamen Glücks, während die Frau in gewisser Weise den innenarchtiketonischen Part übernimmt und für den emotionalen Teil der Gemeinsamkeit verantwortlich zeichnet.
In gewisser Weise ist es wie in der Kindheit – für den Mann ist eine Beziehung eine Art Bausatz von Fischer Technik, während die Partnerin alles für eine bunte Puppenstube voller glücklicher Familenpüppchen zu tun bereit ist.

Männer beweisen ihre Liebe durch den Bau von Häusern, den Kauf und die Pflege der heimischen Familienkutsche und das Herankarren und Schleppen von Wasserkästen.
Frauen ersehnen sich Liebe in Form von Zärtlichkeit, guten Gesprächen und einer lang anhaltenden und tiefen Zuwendung der Partner.
Nur allzu oft hört man getrennte Männer klagen, dass sie doch a-l-l-e-s für das gemeinsame Glück getan hätten, während die Frau betrauert, dass ihr Mann sie in all den Jahren emotional nicht erreicht hat. Wie sollte er auch – er war ja dauernd im Baumarkt…

Teil II: Gehversuche

Der Volksmund besagt: „Männer sind Jungs in langen Hosen.“ – und so gebärden sie sich auch nach dem Scheitern einer Beziehung.
Sie schimpfen auf ihr zusammengestürztes, windschiefes Kartenhaus, an dem sie doch so lange und vermeintlich erfolgreich gebaut haben, und wollen nicht begreifen, dass es ohne eine tiefe emotionale Bindung an die Partnerin auf Treibsand gebaut war.

Insofern leiden Männer länger als Frauen. Auch wenn sie schon längst „entliebt“ sind, hängen sie noch ihrem alten Traum nach, betrauern dessen Scheitern und können sich so lange Zeit nicht wirklich von der Expartnerin lösen, die dauerhaft wie eine drohende Wolke über ihren neuen Beziehungsversuchen schwebt und lange kalte Schatten wirft…

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Anläufe eine neue Liebe zu finden oftmals kläglich scheitern.
Frau und Mann beginnen ihre Suche von unterschiedlichen Ausgangspunkten, mit unterschiedlichen Hoffnungen, Vorstellungen und Wünschen.
Während die Frau nach durchlittenem Schmerz einen Schlusstrich zu ziehen in der Lage und damit offen für einen Neuanfang ist, kämpft der Mann immer noch gegen sein übermächtiges verletztes Ego an und bleibt teilweise dauerhaft unfähig, sich ganz auf eine neue Partnerin einzulassen und sich neu zu binden.
Auf der Seite der Frauen führt das zu vielen Enttäuschungen, weil sich der vermeintliche Prinz als glibbriger, grasgrüner Frosch entpuppt, der sich auch mittels einer Vielzahl von Küssen nicht zur gewünschten Metamorphose in einen Edelmann bewegen lässt.

Es gibt Meinungen, dass Männer eben so sind –
Jäger, immer auf der Pirsch nach neuer Beute, nach einem neuen Reh, dass sie schlagen können – und dass sie dazu durch ihre Natur gezwungen sind, weil animalisch-archaische Urinstinkte sie dazu treiben ihren Samen auf möglichst viele Weibchen zu verteilen, um ihre Nachkommenschaft zu sichern. Nun ist das Letztere selbstverständlich nicht das Ziel, aber als Motor ihrer Bemühungen zu interpretieren.

In gewisser Weise stimmt das auch, ist aber für eine vollständige Beurteilung des Mannes nicht zureichend.
Die Frau, auf der Suche nach eine neuen Bindung und damit einem neuen Nest, möchte sich Zeit lassen und sorgsam auswählen.
Der Mann geht eher nach dem Gießkannenprinzip vor und versucht mehr über Quote als über Intensität zum Ziel zu kommen. Er ist entgegen landläufiger Meinung eher der, welcher über das Küssen vieler Froschfrauen seine „Prinzessin“ zu finden versucht.

Auf keinem anderen Feld in dieser Phase der Neurorientierung prallen die Widersprüche der Geschlechter mehr aufeinander, als auf dem Gebiet der Erotik und der Sexualität. Sexualität ist ein Kreuzweg, auf dem Mann und Frau sich auf ihrer Wanderschaft immer wieder begegnen und – sich gegenseitig missverstehen und enttäuschen.
Um es prinzipiell zu fassen und plakativ zu sagen: Während der Mann Sex möchte und dabei schaut, ob es mit dem Verlieben klappt, möchte die Frau sich verlieben und hofft dann, dass auch eine erfüllte Sexualität möglich ist. Oder anders: der Mann möchte Spaß und nimmt in Kauf, dass sich mehr daraus entwickeln kann, während die Frau auf der Suche nach dem „Mehr“ ist und widrigenfalls auch gegen ein wenig Spaß gelegentlich nichts einzuwenden hat.

Zum Unglück der Frau ist der Mann dabei aber in der stärkeren Position. Zum einen gelingt es ihm eher, die Spreu der Erotik vom Weizen der Liebe zu trennen. Der Mann ist wegen seines kopfgesteuerten Seelenlebens eher in der Lage, so eine Art „Konzept der erotischen Freundschaft zu leben“.
Dieses Konzept beinhaltet eine ganze Reihe von Beziehungsmerkmalen, wie gelegentliches Ausgehen, romantische Abende und natürlich auch mehr oder minder leidenschaftlichen Sex, ohne ihn jedoch in den (ihm wegen seiner unaufgearbeiteten Trennung drohlich erscheinenden) Strudel der Liebe zu ziehen. Das Ganze wird zudem beziehungsähnlich mit einer gewissen Exklusivität verbunden, wobei die kleine Vokabel „gewissen“ einen für die Frau nicht zu vernachlässigenden Pferdefuß in sich birgt: „gewiss“ kommt hier nicht von Gewissheit, sondern drückt vorsichtig gesagt „eine entspannte Haltung zum Treugelöbnis innnerhalb dieser Art von Übergangsbeziehung“ aus.
Männer werden wissen was ich meine – und Frauen es am eigenen Leib, bzw. am Leib der anderen erfahren…

Teil III: Dramatik

Nun sind beileibe nicht alle Männer gewissenlos und so kommt es im Ent- und Bestehen solcher Mikrobeziehungen zu lustigen Missverständnissen. Und das geht so:

Man lernt sich kennen – in freier Wildbahn, oder immer häufiger in einer der mittlerweise zahllosen Partnerbörsen im Internet (die übrigens eine Menge Stoff für einen weiteren Artikel bieten), trifft sich ein, zwei, oder ganz züchtig auch ein drittes Mal und steht dann vor der schwerwiegenden Entscheidung, ob man es zu sexuell eingefärbten Schleimhautkontakten kommen lassen möchte.
Eine kluge Frau, auf der Suche nach etwas dauerhafterem als einer erotischen Sternschnuppe täte gut daran sich noch etwas zu zieren, so wie ein Pokerspieler, der auch nicht gleich sein Blatt offenbart, um den Gegner möglichst weit aus der Reserve zu locken.

Aber hier kämpft sie den aussichtslosen Kampf gegen den Vorteil des Mannes, dem es zunächst einmal um Erotik und weniger um Beziehung geht.
Wie eine rastlose Honigbiene summt er weiter zur nächsten Blume, wenn ihm die die Blüte der einen nicht den versprochenen Nektar liefert.
Mitunter bleibt die Frau frustriert und traurig zurück, weil der Mann in der vorherigen Akquisitonsphase eine ganzes Arsenal von Signalen auf sie abgefeuert hat, das Beziehungswillig- und -fähigkeit zu signalisieren schien.
Der Mann mutiert da mitunter unbewusst zu einer Art glubschäugigen und grabschhändigen Chamäleon, das in der Lage ist genau das Gewand anzulegen, das sein weibliches Gegenüber in der jeweiligen Situation maximal zu becircen in der Lage ist.

Und so gibt sie sich ihm letzendlich hin, in der Hoffnung, dass mit ihm das Mehr möglich ist, dass sie sich so sehr wünscht.
Dabei übersieht sie jedoch die Signale von seiner Seite, die – leider mehrdeutig – auch auf seinen Mangel an Beziehungsbereitschaft hinweisen.
Dieses Senden mehrdeutiger Zeichen ist die eigentliche Kunst des Verführers in mittleren Jahren.
Denn, obwohl er sich in seiner vorherigen Beziehung meist geweigert hat seiner Partnerin emotional das zu geben, nachdem es sie so sehr verlangte, hat er doch rational gelernt, welches ihre Bedürfnisse sind, und setzt dieses Wissen beim Werben um das nachfolgende Weibchen konsequent, wenn auch nicht immer aus bösem Kalkül ein.

Und während sie sich noch einredet, dass er mehr möchte als nur Sexualität und gemeinsame Freizeitaktivitäten, weil sie seine Signale hoffnunggeschwängert so interpretiert, wie sie in ihre Träume passen, so belügt er sich selbst (und sie wohl auch) ebenso.
Die Frau, im Willen ihn nicht zu bedrängen und ihm Zeit zu lassen auf dem Weg zu ihr, gibt nämlich ebenso Uneindeutiges von sich.

Rein verbal möchte auch sie „es erstmal locker angehen“ und mal „ganz unbefangen aufeinander zu- und miteinander umgehen“, während sie zwischenzeilig zwar zart, aber dennoch relativ unverblümt den Wunsch nach seelischer und lebenspraktischer Verschmelzung durchscheinen lässt.
Ihr männlicher Gegenpart aber blendet diese, in ihren Worten mitschwingende Melodie vollkommen aus, obwohl er meist durchaus in der Lage ist, sie zu hören.
Und so lieben sie aneinander vorbei: sie ignoriert seine Signale der Distanz und er die ihren, die mehr Nähe bedeuten, und beide reden sich damit etwas ein, das ihr Gewissen beruhigt.

Vielfach enden solche Mikrobeziehungen nach einem ähnlichen Schema: irgendwann kann die Frau den Spagat auf dem schmalen Grat zwischen Tändelei und Liebe nicht mehr halten. Sie möchte z.B. „etwas mit den Kindern gemeinsam unternehmen“, oder an einem Wochenende mit ihm verreisen, das eigentlich männlichen Kumpaneiritualen vorbehalten ist.
Was immer auch der Auslöser ist: für ihn ist es das Zeichen der Zeit, endlich auch offiziell Bewusstsein darüber zu erlangen, dass er „nach seiner Trennung noch nicht soweit ist“, dass „der Stachel seiner Verletztheit noch zu tief sitzt, um ihm das Vertrauen zu ermöglichen, dass sie unbedingt verdient“. Er „möchte sie nicht verletzen“, „es täte ihm Leid“ und „überhaupt war das gar nicht so abgemacht mit den Gefühlen, die da so plötzlich und unerwartet im Spiel sind“…

…womit er ihr elegant den schwarzen Peter zuschiebt für die verfahrene Situation…

Danach summt die Biene weiter zur nächsten Blüte, während die Blume zuvor ihm noch leise hinterherruft: „Wie konnest Du all diese Dinge so tun und so sagen, obwohl Du doch sowenig für mich empfunden hast…?“

Und so endet die Geschichte, die auf seinem Sofa mit einem von ihr gehauchten „Ich mach sowas sonst nie.“ begann und mit seinem „Es tut mir Leid, aber ich bin noch nicht soweit.“ zum Abschluss kommt.
Auf der Strecke bleibt die Chance, die beide vielleicht gehabt hätten, wenn ihre Kotflügel der Liebe beim Unfall der ersten großen Beziehung nicht zum Totalschaden zerdellt worden wären…

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