{"id":66,"date":"2009-08-14T08:41:08","date_gmt":"2009-08-14T06:41:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.netznirwana.de\/?p=66"},"modified":"2017-11-01T11:16:18","modified_gmt":"2017-11-01T09:16:18","slug":"verfluchtes-denken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.netznirwana.de\/index.php\/2009\/08\/14\/verfluchtes-denken\/","title":{"rendered":"Verfluchtes Denken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich denke einfach zuviel.<\/strong><\/p>\n<p>Schon morgens f\u00e4ngt es an. Kaum erwacht, jagt mir ein Gedanke durch den Kopf, vollf\u00fchrt wilde Kapriolen, schl\u00e4gt erst Rad, dann Schaum in meinem Hirn, und bildet bereits auf dem kurzen Weg ins Bad ungehemmt metastasierende Assoziationsketten, die sich erst im erl\u00f6senden Gef\u00fchl beim Abschlagen des morgendlichen Wassers wieder in Wohlgefallen aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Sobald jedoch das verz\u00fcckte L\u00e4cheln w\u00e4hrend meines stoffwechselbedingten Canossaganges gewichen ist, \u00fcberfallen mich wieder jene Geister, die mir manchen Tag zur H\u00f6lle machen.<br \/>\nIch kann mich mal wieder nicht entscheiden: Lyrikb\u00e4ndchen, Schachzeitschrift, oder das neueste Merkheft von 2001 \u2013 ein Min\u00fctchen bleibe ich immer, um die Nacht langsam aus mir herausflie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich aber noch w\u00e4ge und dar\u00fcber nachdenke, welche Art von Literatur, aus welchen Gr\u00fcnden mir die ersten Minuten des Tages vers\u00fc\u00dfen soll, meldet sich die Lust aufs t\u00e4gliche Ritual meines ersten aromatischen Hei\u00dfgetr\u00e4nkes. Auf dem Weg in die K\u00fcche besch\u00e4ftigt mich der Gedanke, ob ich mich f\u00fcr den neuesten Irving zum Sonderpreis erw\u00e4rmen m\u00f6chte, den ich bei einem fl\u00fcchtigen Blick ins fr\u00fchst\u00fccksbrettchengro\u00dfe Prospekt des bekannten Frankfurter Versenders ersp\u00e4ht habe, werde aber j\u00e4h abgelenkt von der \u00dcberlegung, ob es Sinn macht, fair gehandelten Bohnentee zu trinken, w\u00e4hrend die billige Kaffeemaschine irgendwo in Asien von bis aufs Blut ausgebeuteten Buddhisten zusammengeschraubt wird.<\/p>\n<p>Aah, das tut gut. Das schwarze Gold rinnt meine Kehle hinunter und meine Metaebene stellt auf dem Sofa \u00fcberrascht fest, dass man gleichzeitig im Oberst\u00fcbchen dar\u00fcber sinnieren kann, ob Martin Heidegger Recht hat, wenn er behauptet, die Naturwissenschaft denke nicht und solle das auch nicht, w\u00e4hrend man im Kellergew\u00f6lbe damit besch\u00e4ftigt ist, seine Kleinodien von einem unerwartet aufgetretenen Jucken zu befreien.<\/p>\n<p>Unwillk\u00fcrlich kommt mir ein Gedichtanfang in den Sinn:<\/p>\n<p>Es war einmal ein Breitmaulfrosch,<br \/>\nder gerne seine Fr\u00f6schin drosch.<br \/>\nDie, weil sie die Schmerzen scheute,<br \/>\nwenn ihr Lurch sie wieder bl\u00e4ute&#8230;<\/p>\n<p>Ich komme aber nicht mehr dazu, dieses Meisterwerk zu beenden, weil die Fr\u00fchst\u00fccksfrage ansteht. Ich schiebe eine Portion Nudeln von gestern in die Mikrowelle, weil ich mich wegen des Problems, warum Marmelade und K\u00e4se, trotz ihrer offenbaren Unterschiede in Geschmack und Zusammensetzung, \u00e4hnlich fett machen, nicht f\u00fcr eines von beiden entscheiden kann.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich ja laufen gehen und etwas f\u00fcr meine Gesundheit tun, aber wenn ich mich schon nicht zum Sport aufraffen mag, kann ich ja wenigstens die Kohlenhydrate zu mir nehmen, die ich normalerweise beim Joggen verbrennen w\u00fcrde. Leider meldet sich umgehend mein schlechtes Gewissen und p\u00f6belt meinen inneren Schweinehund an, dass 300 kcal weniger verbrannt, und 600 kcal zus\u00e4tzlich zu mir genommen, mehr als die halbe Tagesration eines B\u00fcrohengstes wie mir ausmachen, und dass mir f\u00fcr den Rest des Tages bestenfalls noch zwei Zwiebackscheiben mit Di\u00e4tk\u00e4se und eine Flasche alkoholfreies Bier zustehen.<\/p>\n<p>Bevor ich noch merken kann, dass an dieser mathematiknobelpreisverd\u00e4chtigen Berechnung etwas faul sein muss, torpediert mich die moralische \u00dcberlegung, ob meine Exfrau meinem Sohn das Sonntagsfr\u00fchst\u00fcck versagen darf, weil der sich wegen eines PC-Spiels, das ihn gerade an den Bildschirm fesselt, weigert, beim B\u00e4cker um die Ecke Br\u00f6tchen zu holen. Gibt es \u00fcberhaupt einen Nobelpreis f\u00fcr Mathematik?<\/p>\n<p>&#8230;schaffte sich als neuen Mann<br \/>\neinen Brontosaurus an&#8230;<\/p>\n<p>Mein Kaffee ist alle, und auf dem Weg zum plastikgewordenen Sinnbild kapitalistischer Unterdr\u00fcckung in kommunistischen Staaten f\u00fchle ich, dass ein bisschen Morgensex nicht schlecht w\u00e4re, wenn ich nicht gerade meinen Tag alleine beginnen m\u00fcsste. Ohne es verhindern zu k\u00f6nnen, fragt sich mein Gehirn, was wohl Sex mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivf\u00fchrer zu tun haben k\u00f6nnte \u2013 antwortet sich aber sofort selbst, dass es sich mit der Erotik so verh\u00e4lt, wie mit Tut Tur dem Scheinriesen aus der Puppenkiste, der umso kleiner und unbedeutender wird, je n\u00e4her man ihm ist, und erst der aus der Ferne riesig und ehrfurchtgebietend aussieht.<\/p>\n<p>Warum denkt eigentlich jeder zuerst an die Puppenkiste bei Jim Knopf, und nicht an das Buch von Michael Ende, das \u00fcberhaupt erst die Grundlage f\u00fcrs Marionettenspektakel gewesen ist? Mir kommt Fuchur, der Gl\u00fccksdrache in den Sinn, und ich bin mir pl\u00f6tzlich wieder ganz sicher, dass man die Verfilmung eines Fantasyromans nicht sehen sollte, wenn man das Buch noch lesen m\u00f6chte. Irgendwie sehen alle Figuren der Geschichte dann so aus wie im Film und man fragt sich kopfsch\u00fcttelnd, warum der Roman nicht den Vorgaben des Films folgen will.<\/p>\n<p>Ich bemerke, dass ich offenbar gerade mein Bed\u00fcrfnis nach Streicheleinheiten mit film- und literaturwissenschaftlichen Gedankeng\u00e4ngen sublimiere, und phantasiere (schreibt man das nun mit \u201eph\u201c, oder \u201ef\u201c? Ohnehin ist die ganze Rechtschreibreform ein Zugest\u00e4ndnis an die Pisageneration&#8230;), in Wien mit Siegmund Freud im Kaffeehaus bei einer Melange zu sitzen und \u00fcber die Psychoanalyse zu schwadronieren, w\u00e4hrend Jean Paul Sartre in Paris im \u201eDeux Magots\u201c auf mich wartet, weil wir die Frage des reflexiven Bewusstsein bisher noch nicht abschlie\u00dfend kl\u00e4ren konnten. \u00dcberhaupt ist es bl\u00f6d, am Anfang des 21 Jahrhunderts zu leben und sich noch nicht von einem Ort zum andern beamen zu k\u00f6nnen, was aber andererseits wieder die Tourismusindustrie sch\u00e4digen und einen Haufen Arbeitspl\u00e4tze kosten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8230;Der Frosch sah ein, das Aggressive,<br \/>\nist seine letzte Perspektive&#8230;<\/p>\n<p>Heute m\u00fcsste ich eigentlich die Umsatzsteuer fertig machen, mein Duschgel ist alle, und was passiert eigentlich mit meinem Leasingvertrag, wenn OPEL \u00fcber den Jordan geht?<\/p>\n<p>Seit ich mich aus den Kissen gesch\u00e4lt habe, sind gerade mal 20 Minuten vergangen und ich habe schon wieder viel zu viel gedacht und zu wenig gemacht. \u00dcberhaupt w\u00e4re ein bisschen Sex nicht schlecht, und mein Sohn schreibt heute eine Lateinklausur. Was w\u00fcnscht er sich eigentlich zum Geburtstag au\u00dfer einem I-Phone, dass sich noch nicht mal der Papa leisten kann? Morgen gehe ich auf jeden Fall joggen, weil ja keine Nudeln mehr da sind, und sterben m\u00f6chte ich nicht unbedingt jetzt schon, um Freud und Sartre im Jenseits zu begegnen. Daf\u00fcr ist sp\u00e4ter noch Zeit.<\/p>\n<p>Wieder muss ich mich kratzen. Das Telefon klingelt \u2013 ich noch halbnackt \u2013 Exfrau dran \u2013 ob ich mit zum Sprechtag will. Der Gedanke an Sex verebbt, und bevor ich mich unter die Dusche begebe bleiben nur noch zwei Fragen: Warum ist das feuchte Toilettenpapier immer so schnell zu Ende, und kann die Mathematik die Unendlichkeit der Zahlenreihe mit rein mathematischen Mitteln beweisen?<\/p>\n<p>Ich seufze und f\u00fcge mich in den Tag&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich denke einfach zuviel. Schon morgens f\u00e4ngt es an. 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