{"id":91,"date":"2009-08-15T13:57:03","date_gmt":"2009-08-15T11:57:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.netznirwana.de\/?p=91"},"modified":"2017-10-26T17:38:34","modified_gmt":"2017-10-26T15:38:34","slug":"freier-wille-oder-was","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.netznirwana.de\/index.php\/2009\/08\/15\/freier-wille-oder-was\/","title":{"rendered":"Freier Wille, oder was?"},"content":{"rendered":"<p>Freier Wille, oder nicht?<\/p>\n<p>Wir Menschen sind es gewohnt jeden Tag Entscheidungen zu treffen. Schon der ersten Handlung des Tages, dem Aufstehen, liegt eine Willensentscheidung zu Grunde. Wir k\u00f6nnten ja auch liegen bleiben, den Arbeitstag Arbeitstag und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.<\/p>\n<p>Die freie Willensbildung ist vermutlich der Eckpfeiler, der die menschliche Existenz von der Instinkthaftigkeit des Tieres unterscheidet. Unser Leben besteht aus freien Wahl unter den M\u00f6glichkeiten, die jeden Tag an uns herantreten und die wir f\u00fcr uns entwerfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00f6ren wir uns selbst und andere oft sagen: \u201eIch kann das nicht weil&#8230;\u201c, aber dieser Satz ist in den meisten F\u00e4llen ja nur eine \u00dcbersetzung eines: \u201eEs hat keinen Sinn, das zu probieren, weil&#8230;\u201c, was bedeutet, dass wir sehr wohl Anstrengungen in die angesprochenen Richtung unternehmen k\u00f6nnten, wenn wir wollten. Wir treffen lediglich die pragmatische Entscheidung, dass eine Handlung in diese Richtung deshalb sinnlos ist, weil das erw\u00fcnschte Ergebnis nicht erreichbr scheint.<\/p>\n<p>Aber auch hier spricht der freie Wille. Wir sind letztlich sogar in der Lage, schweren Herzens auf einen Weg zur Selbstverwirklichung zu verzichten, wenn wir diesen Weg als zu beschwerlich, oder das Ziel als unerreichbar ansehen. Ein anderer wiederum mag den Weg bereits als das Ziel betrachten und geht mutig voran \u2013 allen Erschwernissen und allen Zweifeln zum Trotz.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Interessanterweise setzen zwei wesentliche, aber grunds\u00e4tzlich verschiedenen Weltanschauungen gleicherma\u00dfen auf den freien Willen als bestimmendes Element des Menschseins: das Christentum und der Existentialismus, wobei der zweite in der Auslegung Sartres ganz bewusst eine atheistische Philosophie sein soll.<\/p>\n<p>\u00dcber das Christentum wissen wohl fast alle mehr, als \u00fcber den Existentialismus \u2013 und auch die Rolle des freien Willens im christlichen Glauben ist weitl\u00e4ufig bekannt. Nur wenn der Mensch in seinem Handeln frei ist, hat er die Bef\u00e4higung zum Guten und das Gute hat nur dann seinen Wert, wenn das B\u00f6se m\u00f6glich ist. Das ist im Kern auch schon ein Ansatz des Theodiezeeproblems in der Theologie, bei dem sich die Frage stellt, warum ein guter Gott das B\u00f6se in der Welt zulassen kann.<\/p>\n<p>Im Christentum gibt es Regeln von au\u00dfen, aber wir sind frei diese zu befolgen, oder nicht.<\/p>\n<p>Der Existentialismus hat eine andere Marschrichtung. Sartre zitiert einen Satz Dostojeweskis: \u201eWenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.\u201c und formuliert um diesen Gedanken herum das Konzept einer Ethik, das ganz ohne ein \u00e4u\u00dferes Regelwerk auskommt, und den Menschen brutal auf seine Eigenverantwortung wirft.<br \/>\nF\u00fcr ihn sind wir im Handeln allein gelassen, nur auf unseren freien Willen verwiesen, mit dem wir in jeder Minute unseres Daseins aus den gegebenen M\u00f6glichkeiten ausw\u00e4hlen, und eben auch mit den Konsequenzen unseres Handelns leben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend jedoch die Religion die menschliche Freiheit als Gut und als Geschenk an den Menschen begreift, neigt sie Existenzphilosophie dazu, die Qual in der Wahl zu betonen. Der Mensch ist zur Freiheit verdammt &#8211; eine objektive Moral existiert nicht, und f\u00fcr alles, das wir tun, m\u00fcssen wir die volle Verantwortung \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Insofern ist der Existentialist freier als der Christ, weil im zweiten Fall zumindest klar ist, welches Verhalten von Gott erw\u00fcnscht ist, und es nur gilt, den Verf\u00fchrungen s\u00fc\u00dfer S\u00fcnden zu widerstehen, w\u00e4hrend im ersten Fall das Gute und das B\u00f6se gleich m\u00f6glich sind, was dem Menschen eine \u00e4u\u00dfere Leitlinie f\u00fcr dessen Handeln verweigert.<\/p>\n<p>In der Wissenschaft mehren sich allerdings Zeichen, dass es mit dem freien Willen nicht so einfach bestellt ist, wie der Mensch entweder t\u00e4glich stillschweigend voraussetzt, oder wie er es aktiv glauben mag, wenn er diese Grundfrage bedenkt. Neueste Ergebnisse der Hirnforschung legen nahe, dass jede unserer Handlungen im Vorfeld von physiologischen Hirnprozessen begleitet werden, die keine andere, als die gezeigte Handlung zulassen konnten, auch wenn wir subjektiv annehmen, eine Wahl gehabt zu haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Handlungsgrundlage gibt es aber auch Ursachen, die nicht allein biologischer Natur sind, die sich aber in der Schaltzentrale unseres Kopfes abbilden und verarbeitet werden. Dass das Gehirn auf einen Schmerzreiz mit Vermeidung reagiert ist nat\u00fcrlich verst\u00e4ndlich, aber auch Erziehung und Sozialisation stellen ja Handlungsrahmen zur Verf\u00fcgung, in denen wir uns bewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Kopf w\u00e4gen wir m\u00f6gliche Verhaltensweisen, sozial erlaubte, ebenso wie unerlaubte, ab, bevor wir zur Tat schreiten und oft glauben wir, dass gerade das \u00dcbertreten sozialer, oder anderer Verbote ein Zeichen f\u00fcr willentliches Handeln ist, weil es einen gewissen Mut und \u00dcberwindung kosten kann. Dabei \u00fcbersehen wir aber zu leicht, dass uns ein anderer, vermutlich st\u00e4rkerer Impuls, wie z.B. ein Lustempfinden, dazu bewogen haben, das andere, das vermeintlich \u201eFalsche\u201c zu tun.<\/p>\n<p>Der Hirnforschung gelingt es offenbar zur Zeit schon recht gut, bei einfacheren Lebensformen ein Verhalten \u00fcber die dahinter liegenden physiologischen Prozesse zu verstehen, und es stellt sich sehr die Frage, ob das beim Menschen so ganz anders ist, mit dem Unterschied, dass dessen Komplexit\u00e4t nat\u00fcrlich das Verst\u00e4ndnis der Prozesse erschwert, die aber dennoch unvermeidlich stattfinden.<\/p>\n<p>Auch ein paar andere einfache \u00dcberlegungen k\u00f6nnen helfen zu verstehen:<\/p>\n<p>wenn wir etwas tun, oder besser, getan haben, k\u00f6nnen wir in aller Regel Gr\u00fcnde daf\u00fcr angeben, warum wir uns f\u00fcr unsere Handlung zum Nachteil einer anderen entschieden haben.<br \/>\nGr\u00fcnde kommen aber nicht aus dem Nichts \u2013 sie liegen entweder in einem Bed\u00fcrfnis, egal ob es sich um ein Grundbed\u00fcrfnis, oder ein Lustempfinden handelt, denen man recht einfach eine physiologische Entsprechung zuordnen kann, oder folgen einer Abw\u00e4gung, entweder praktischer, oder ethischer Natur, die aber wiederum nat\u00fcrlich auf pers\u00f6nlichen Angelegtheiten fu\u00dfen.<\/p>\n<p>Das gibt dem ganzen Prozess der Entscheidungsfindung aber einen kausalen, sich zwangsweise \u00fcber Ursache und Wirkung entwickelnden Anstrich.<\/p>\n<p>Auch muss man sich sehr fragen, ob das Gef\u00fchl der M\u00f6glichkeit von A oder B vor der Handlung nicht rein subjektiv ist, wenn der sp\u00e4ter bereits vollzogene Akt doch scheinbar erweist, dass streng genommen nur eine M\u00f6glichkeit bestand, weil wir eben Gr\u00fcnde daf\u00fcr angeben k\u00f6nnen, die schwerer wogen als jene, die f\u00fcr die Alternative sprachen.<\/p>\n<p>Ohne mich da festlegen zu wollen, liegt also der Verdacht nahe, dass das Grundprinzip des Menschseins und die Basis seines Erfolges in der Natur nicht der freie Wille selbst ist, sondern nur die Illusion desselben, und dass diese Illusion einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr ist, dass der Mensch (obwohl prinzipiell genauso, aber eben nur komplexer als programmiert, als ein Tier), nichts weiter als eine Maschine aus biologisch abbaubaren Bauteilen ist.<\/p>\n<p>All das h\u00e4tte nat\u00fcrlich auch weitreichende ethische Folgen, z.B. f\u00fcr das Strafrecht, das ja auch bei bestimmten Delikten schon die mangelnde \u201eSteuerungsf\u00e4higkeit\u201c eines Delinquenten ber\u00fccksichtigt. Was w\u00e4re, wenn jeder T\u00e4ter sich unter den \u201eSchutz\u201c einer gar nicht gegebenen Willensfreiheit zur\u00fcckziehen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>W\u00fcrde der Richter dann urteilen und sagen: \u201eAuch das Volk hat keinen freien Willen und unterliegt darin dem Zwang sich sch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Der Angeklagte wird nicht zur Strafe, aber zum Schutz der Allgemeinheit verurteilt, in der Hoffnung, ihn in der Form umprogrammieren zu k\u00f6nnen, dass er keine Gefahr mehr f\u00fcr die Menschen darstellt.\u201c ?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freier Wille, oder nicht? Wir Menschen sind es gewohnt jeden Tag Entscheidungen zu treffen. Schon der ersten Handlung des Tages, dem Aufstehen, liegt eine Willensentscheidung zu Grunde. Wir k\u00f6nnten ja auch liegen bleiben, den Arbeitstag Arbeitstag und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. 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