Auf der Suche nach dem Sinn

Schmetterling

Die Welt ist ein Panoptikum – das ist für mich eine unumstößliche Tatsache. Ein buntes Kaleidoskop sonderbarer Gestalten bevölkert unseren Planeten und fristet sein existentiell kärgliches Dasein auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Der Schmetterling

Nun ist die Suche natürlich keine einfache – manch einer glaubt, der Sinn fliege durch die Luft und kann eingefangen werden wie ein farbenfroher Schmetterling. Er jagt ihm nach, hascht nach ihm und kann ihn dennoch nicht fassen. Die anderen sehen sein Hüpfen und fröhliches Rudern mit den Armen und bedauern den armen Irren, der beständig den Bodenkontakt zu verlieren scheint und am Ende mehr wie eine plumpe Motte wirkt, die versucht selbst ein bunter Schmetterling zu sein.

Die Wühlmaus

Ein anderer glaubt den Sinn in der Erde zu finden. Er wühlt im Dreck und versucht dort, den Dingen auf den Grund zu gehen. Er sucht den Sinn in dem Teil der Welt, der von seinen Artgenossen mit Füßen getreten wird, die Finger wund vom Kampf gegen das Erdreich und die Nase schmutzig vom Stöbern im Unrat nach der ultimativen existentiellen Trüffel. Gemeinhin fühlt sich gerade die Wühlmaus der Motte überlegen, weil sie glaubt, die Welt verstanden zu haben und frei von Illusionen zu sein. Doch sie wühlt so lange, bis ihr die Kraft ausgeht und ein anderer ihr die Grube gräbt, in der ihr Sinn zu finden ist.

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Freier Wille, oder was?

Freier Wille, oder nicht?

Wir Menschen sind es gewohnt jeden Tag Entscheidungen zu treffen. Schon der ersten Handlung des Tages, dem Aufstehen, liegt eine Willensentscheidung zu Grunde. Wir könnten ja auch liegen bleiben, den Arbeitstag Arbeitstag und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Die freie Willensbildung ist vermutlich der Eckpfeiler, der die menschliche Existenz von der Instinkthaftigkeit des Tieres unterscheidet. Unser Leben besteht aus freien Wahl unter den Möglichkeiten, die jeden Tag an uns herantreten und die wir für uns entwerfen.

Natürlich hören wir uns selbst und andere oft sagen: „Ich kann das nicht weil…“, aber dieser Satz ist in den meisten Fällen ja nur eine Übersetzung eines: „Es hat keinen Sinn, das zu probieren, weil…“, was bedeutet, dass wir sehr wohl Anstrengungen in die angesprochenen Richtung unternehmen könnten, wenn wir wollten. Wir treffen lediglich die pragmatische Entscheidung, dass eine Handlung in diese Richtung deshalb sinnlos ist, weil das erwünschte Ergebnis nicht erreichbr scheint.

Aber auch hier spricht der freie Wille. Wir sind letztlich sogar in der Lage, schweren Herzens auf einen Weg zur Selbstverwirklichung zu verzichten, wenn wir diesen Weg als zu beschwerlich, oder das Ziel als unerreichbar ansehen. Ein anderer wiederum mag den Weg bereits als das Ziel betrachten und geht mutig voran – allen Erschwernissen und allen Zweifeln zum Trotz.

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Meditationen über den Tod

Ich meditiere nicht, aber ich habe seltene und kostbare meditative Momente.

Der unermüdlich kreisende Gedankenlöffel in der großen Rührschüssel meines Kopfes kommt für eine Weile zu Ruhe und ich kann mich einen Moment zurückziehen aus der permanenten Produktion von Sinn und Unsinn, die in meinem Gehirn mit der Konstituierung meiner Welt einhergehen.

In diesen Momenten aber strebe ich nicht nach einer Befreiung vom Denken an und für sich, weil ich akzeptiert habe, dass die beständige Reflektion ein Grundbestandteil meines Charakters und damit auch meiner Existenz ist. Vielmehr ziehe ich mich in mich zurück und lasse die vielfältigen Ströme in meinem Kopf sich zu einem ruhigen Fluss vereinigen, indem es mir gelingt das wilde Spiel der Assoziationen zu bändigen und zum Verstummen zu bringen.

Sonderbarerweise erlebe ich diese meditativen Momente am stärksten, wenn ich mich mit schwersten und schwierigsten Gedanken beschäftige. Oftmals beschäftigen mich weltanschauliche Probleme, durch die mein Denken und Empfinden in diesem intensiven Moment gegen jede Störung von innen gefeit sind.

Oder ich blicke in den Himmel, oder in die Wipfel der Bäume und sehe Figuren, betrachte das leichte Wogen der Baumkronen und mache meinen Frieden mit meiner Endlichkeit.
Diese Momente sind nicht primär Rückzug aus der Welt, sondern vielmehr ein reichhaltiges Mich-Versenken in die Existenz – eine Art, meinem Kern am nächsten zu kommen und zu spüren, dass dieser Kern über ein energetisches Band mit der Welt verbunden ist.

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Verfluchtes Denken

HalbschlafIch denke einfach zuviel.

Schon morgens fängt es an. Kaum erwacht, jagt mir ein Gedanke durch den Kopf, vollführt wilde Kapriolen, schlägt erst Rad, dann Schaum in meinem Hirn, und bildet bereits auf dem kurzen Weg ins Bad ungehemmt metastasierende Assoziationsketten, die sich erst im erlösenden Gefühl beim Abschlagen des morgendlichen Wassers wieder in Wohlgefallen auflösen.

Sobald jedoch das verzückte Lächeln während meines stoffwechselbedingten Canossaganges gewichen ist, überfallen mich wieder jene Geister, die mir manchen Tag zur Hölle machen.
Ich kann mich mal wieder nicht entscheiden: Lyrikbändchen, Schachzeitschrift, oder das neueste Merkheft von 2001 – ein Minütchen bleibe ich immer, um die Nacht langsam aus mir herausfließen zu lassen.

Während ich aber noch wäge und darüber nachdenke, welche Art von Literatur, aus welchen Gründen mir die ersten Minuten des Tages versüßen soll, meldet sich die Lust aufs tägliche Ritual meines ersten aromatischen Heißgetränkes. Auf dem Weg in die Küche beschäftigt mich der Gedanke, ob ich mich für den neuesten Irving zum Sonderpreis erwärmen möchte, den ich bei einem flüchtigen Blick ins frühstücksbrettchengroße Prospekt des bekannten Frankfurter Versenders erspäht habe, werde aber jäh abgelenkt von der Überlegung, ob es Sinn macht, fair gehandelten Bohnentee zu trinken, während die billige Kaffeemaschine irgendwo in Asien von bis aufs Blut ausgebeuteten Buddhisten zusammengeschraubt wird.

Aah, das tut gut. Das schwarze Gold rinnt meine Kehle hinunter und meine Metaebene stellt auf dem Sofa überrascht fest, dass man gleichzeitig im Oberstübchen darüber sinnieren kann, ob Martin Heidegger Recht hat, wenn er behauptet, die Naturwissenschaft denke nicht und solle das auch nicht, während man im Kellergewölbe damit beschäftigt ist, seine Kleinodien von einem unerwartet aufgetretenen Jucken zu befreien.

Unwillkürlich kommt mir ein Gedichtanfang in den Sinn:

Es war einmal ein Breitmaulfrosch,
der gerne seine Fröschin drosch.
Die, weil sie die Schmerzen scheute,
wenn ihr Lurch sie wieder bläute…

Ich komme aber nicht mehr dazu, dieses Meisterwerk zu beenden, weil die Frühstücksfrage ansteht. Ich schiebe eine Portion Nudeln von gestern in die Mikrowelle, weil ich mich wegen des Problems, warum Marmelade und Käse, trotz ihrer offenbaren Unterschiede in Geschmack und Zusammensetzung, ähnlich fett machen, nicht für eines von beiden entscheiden kann.

Eigentlich wollte ich ja laufen gehen und etwas für meine Gesundheit tun, aber wenn ich mich schon nicht zum Sport aufraffen mag, kann ich ja wenigstens die Kohlenhydrate zu mir nehmen, die ich normalerweise beim Joggen verbrennen würde. Leider meldet sich umgehend mein schlechtes Gewissen und pöbelt meinen inneren Schweinehund an, dass 300 kcal weniger verbrannt, und 600 kcal zusätzlich zu mir genommen, mehr als die halbe Tagesration eines Bürohengstes wie mir ausmachen, und dass mir für den Rest des Tages bestenfalls noch zwei Zwiebackscheiben mit Diätkäse und eine Flasche alkoholfreies Bier zustehen.

Bevor ich noch merken kann, dass an dieser mathematiknobelpreisverdächtigen Berechnung etwas faul sein muss, torpediert mich die moralische Überlegung, ob meine Exfrau meinem Sohn das Sonntagsfrühstück versagen darf, weil der sich wegen eines PC-Spiels, das ihn gerade an den Bildschirm fesselt, weigert, beim Bäcker um die Ecke Brötchen zu holen. Gibt es überhaupt einen Nobelpreis für Mathematik?

…schaffte sich als neuen Mann
einen Brontosaurus an…

Mein Kaffee ist alle, und auf dem Weg zum plastikgewordenen Sinnbild kapitalistischer Unterdrückung in kommunistischen Staaten fühle ich, dass ein bisschen Morgensex nicht schlecht wäre, wenn ich nicht gerade meinen Tag alleine beginnen müsste. Ohne es verhindern zu können, fragt sich mein Gehirn, was wohl Sex mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer zu tun haben könnte – antwortet sich aber sofort selbst, dass es sich mit der Erotik so verhält, wie mit Tut Tur dem Scheinriesen aus der Puppenkiste, der umso kleiner und unbedeutender wird, je näher man ihm ist, und erst der aus der Ferne riesig und ehrfurchtgebietend aussieht.

Warum denkt eigentlich jeder zuerst an die Puppenkiste bei Jim Knopf, und nicht an das Buch von Michael Ende, das überhaupt erst die Grundlage fürs Marionettenspektakel gewesen ist? Mir kommt Fuchur, der Glücksdrache in den Sinn, und ich bin mir plötzlich wieder ganz sicher, dass man die Verfilmung eines Fantasyromans nicht sehen sollte, wenn man das Buch noch lesen möchte. Irgendwie sehen alle Figuren der Geschichte dann so aus wie im Film und man fragt sich kopfschüttelnd, warum der Roman nicht den Vorgaben des Films folgen will.

Ich bemerke, dass ich offenbar gerade mein Bedürfnis nach Streicheleinheiten mit film- und literaturwissenschaftlichen Gedankengängen sublimiere, und phantasiere (schreibt man das nun mit „ph“, oder „f“? Ohnehin ist die ganze Rechtschreibreform ein Zugeständnis an die Pisageneration…), in Wien mit Siegmund Freud im Kaffeehaus bei einer Melange zu sitzen und über die Psychoanalyse zu schwadronieren, während Jean Paul Sartre in Paris im „Deux Magots“ auf mich wartet, weil wir die Frage des reflexiven Bewusstsein bisher noch nicht abschließend klären konnten. Überhaupt ist es blöd, am Anfang des 21 Jahrhunderts zu leben und sich noch nicht von einem Ort zum andern beamen zu können, was aber andererseits wieder die Tourismusindustrie schädigen und einen Haufen Arbeitsplätze kosten würde.

…Der Frosch sah ein, das Aggressive,
ist seine letzte Perspektive…

Heute müsste ich eigentlich die Umsatzsteuer fertig machen, mein Duschgel ist alle, und was passiert eigentlich mit meinem Leasingvertrag, wenn OPEL über den Jordan geht?

Seit ich mich aus den Kissen geschält habe, sind gerade mal 20 Minuten vergangen und ich habe schon wieder viel zu viel gedacht und zu wenig gemacht. Überhaupt wäre ein bisschen Sex nicht schlecht, und mein Sohn schreibt heute eine Lateinklausur. Was wünscht er sich eigentlich zum Geburtstag außer einem I-Phone, dass sich noch nicht mal der Papa leisten kann? Morgen gehe ich auf jeden Fall joggen, weil ja keine Nudeln mehr da sind, und sterben möchte ich nicht unbedingt jetzt schon, um Freud und Sartre im Jenseits zu begegnen. Dafür ist später noch Zeit.

Wieder muss ich mich kratzen. Das Telefon klingelt – ich noch halbnackt – Exfrau dran – ob ich mit zum Sprechtag will. Der Gedanke an Sex verebbt, und bevor ich mich unter die Dusche begebe bleiben nur noch zwei Fragen: Warum ist das feuchte Toilettenpapier immer so schnell zu Ende, und kann die Mathematik die Unendlichkeit der Zahlenreihe mit rein mathematischen Mitteln beweisen?

Ich seufze und füge mich in den Tag…