„Traurig grüß ich den, der ich hätte sein können.“ – oder: vom Leben im Konjunktiv

Wenn wir die Menschen um uns herum betrachten, wie sie in schwierigen Zeiten versuchen ihr Leben zu organisieren, und sich einen Pfad durch das Dickicht wirtschaftlicher und existentieller Ängste und Gefahren zu bahnen, so stellen wir gelegentlich fest, dass sie sich außerhalb der hektischen Besorgung alltäglicher Geschäfte zu einer Reise aufgemacht haben.

Irgendwann, frustriert vom Anreiten gegen die täglichen Windmühlen, haben sie innerlich ihr Bündel geschnürt und sich auf den Weg gemacht in eine neue, verheißungsvolle Heimat – das Land des Konjunktivs.

Wenn man diese Reisenden antrifft und mit ihnen spricht, so vernimmt man einen Hang zu den für den Konjunktiv bezeichnenden Vokabeln „könnte“, „sollte“ und „würde“, bzw. wortreichen Ersetzungen derselben, die dann wiederum oft einen sich selbst entschuldigenden Beiklang haben –

eine Entschuldigung dafür, dass man meint, dem Konjunktiv aus ach so vielen persönlichen und fremdbestimmenden Gründen nicht entgehen zu können.

In einer globalisierten und von Ellbogen dominierten Welt wird es zunehmend schwieriger sich selbst kleine Träume zu erfüllen und existentiell drängende Vorsätze in die Tat umzusetzen.

piccaAndererseits besteht eine große Gefahr unserer bunten Glitzerwelt des Konsums und des lauthals vernehmbaren Werbegeschreis der Konzerne darin, dass uns alltäglich Träume in die Köpfe manipuliert werden, die für den größten Teil der Menschen unerreichbar sind, und die jene, die sich die Bewahrheitung eines solchen Trugbildes unter Anstrengungen ermöglichen können, seltsam leer lassen, und die keinesfalls die Erfüllung bieten, die uns vorher durch den multimedialen Overkill in Aussicht gestellt worden ist.

Beide Gruppen verbindet die unerfüllte Hatz auf das, was sie fälschlich für traumhaft und erstrebenswert halten, eine Jagd auf Chimären, die sich Konzerne und falsche Propheten wiederum zunutze machen, um sich an den durch ihr Leben irrenden Menschen weiter bereichern zu können.

Und so flüchten sich die Unzufriedenen in eine Welt des „Vielleicht“, der hochtrabenden, und Linderung von Hektik und Stress versprechenden Ziele, von denen sie aber weiter entfernt sind als unser Erdball von Alpha Centauri.

Sie sagen:“ Ich müsste dringend etwas ändern“, oder wiederholen gebetsmühlenartig ihr tägliches „Ich würde mir einen Traum erfüllen, wenn nicht die Umstände so gegen mich wären.“

Das „sollte“ und „wäre“, das „könnte“, „müsste“ und „würde“ werden zur nichtssagenden Terminologie ihrer Existenz, die sich augenscheinlich nur noch im schalen Dämmertraum von einer besseren Welt ertragen lässt.

blochDer helle, in der Realität fußende und uns wach für die wahrhaft wertvollen Möglichkeiten des Seins machende Tagtraum aus Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“, und die gesellschaftlich gestalterische Kraft seines Begriffes der „konkreten Utopie“ haben keine Chance gegen das flache Verlangen nach Zerstreuung und Erlösung aus dem Jammertal der wirtschaftlichen Angst und der existentiellen Frustration.

Manchmal spielt der Konjunktiv ein sich verstellendes Versteckspiel mit uns und kleidet sich in das Gewand strengerer Vokabeln –

ein „ich würde“ mutiert verbal zu einem „ich werde“ und ein „ich müsste“ zum moralisch stärkeren, weil keinen Widerspruch zu dulden scheinenden Appell, obwohl tiefinnerlich das resignative Gefühl schon längst oder immer noch die Oberhand hat.

Den größten Schritt ab vom Weg zum wahren Glück machen diejenigen, bei denen der Konjunktiv einer der Vergangenheit und keiner der unbestimmten Zukunft ist.

Für sie wird das „Weißt Du noch als wir…“ und „Wenn ich noch einmal jung wäre…“ zum Credo ihres durch den gesellschaftlichen Massendruck als verdorben empfundenen Lebens, und sie berauben sich gänzlich einer Veränderung des zwar als übermächtig gefühlten, aber immerhin noch formbaren „Was da kommen mag“.

So streben wir nach Zielen, die keine sind und jagen nach dem Haben, weil wir den Wert des Seins und des Ruhens in uns selbst vergessen zu haben scheinen.

Das größte Verbrechen begehen wir an unseren Kindern, die ebenso schon vom Virus der „Generation Statussymbol“ infiziert sind.

Da wo wir als Kinder aus bunten Legoquadern die wunderbarsten Kunstwerke schufen, benötigen unsere Kinder heute einen 200-Euro Bausatz, der sich ohne eine buchdicke Bauanleitung nicht in etwas Vorzeigbares verwandeln lässt.

Ihre Wünsche sind bereits vom Statusdenken und nicht mehr von den Grundbedürfnissen des Kindseins gesteuert, und es ist unsere Aufgabe, ihnen das zurückzuschenken, was wir verloren haben und ihnen aus diesem Grund nicht geben konnten.

Doch manchmal hören auch wir leise den Ruf unserer verschütten Kindheitsträume – Träume, die uns Glück verhießen und Fröhlichkeit versprachen – Träume, die kein Geld benötigten, um realisiert zu werden, die in den kleinen Dingen lagen, der Freude am Spiel, der Freundschaft und Liebe und in der Kreativität und der Phantasie.

Es kommt darauf an, dass wir diesen Stimmen wieder Gehör verschaffen und ihr Versprechen zu leben versuchen, weg von den Dingen, hin zu seelischen Werten, die auf ein Glück jenseits einer durch den Konsum stimulierten fragwürdigen Zufriedenheit hoffen lassen.

Dazu gibt es keine Alternative, und es dürfen keine ausweichenden Ausreden ins Feld geführt werden.

Hier muss das unbedingte „Du bist, was Du tust!“ des Existentialismus gelten, damit wir einen Weg aus den uns aufgezwungenen Irrgärten des Glücks finden, und damit wir endlich aufhören bis zum Ende als zweibeinige Absichtserklärungen vor uns hinzuleben…

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

– Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung –


Im Konjunktiv

Zu viele leben exzessiv
in fremden Dimensionen,
ihr Leben spielt im Konjunktiv
voll leerer Ambitionen.

Die wahre Welt ist zwar real,
doch kennt sie keine Helden,
so träumt man sich ins Ideal,
hat endlich was zu melden.

Ein “hätte” wird zum ist-Ersatz,
das “könnte” zur Parole,
und selbst der größte Hosenmatz
schwenkt seine Gloriole.

Im groß zu tun, statt großem Tun
verlegt man sich aufs “sollte”,
lebt gänzlich wirklichkeitsimmun,
bepreist sein schales “wollte”.

Die Würde stirbt als Korrektiv,
das “würde” scheint zu lohnen,
den Tagtraum träumt man obsessiv,
lebt blind in Illusionen.

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