Wunderwerk der Technik, oder der schöne Schein…

buga2Ich bin kein Autonarr, ganz und gar nicht.
Im Gegenteil – ich empfinde das Fahren, um von einem Punkt zum anderen zu gelangen als eher lästiges, aber häufig notwendiges und eigentlich langweiliges Übel.

Ich bin auch kein Fan von Technik in dem Sinne, dass mich die Geheimnisse der Ingenieurskunst auf physikalisch-formelhafter Ebene interessieren – aber ich bin ein erklärter Fan des menschlichen Geistes und dessen, was er zu schaffen und zu schöpfen in der Lage ist.

Das kann ein tiefsinniges philosophisches Buch, ein Meisterstück bildender Künste, oder wie hier ein technisches Wunderwerk in Form eines Traumautos sein: der Bugatti Veyron…

buga3Hier ein paar Rohdaten:

  • 16 Zylinder, 4 Turbolader
  • 7993 ccm Hubraum
  • 736 KW – 1001 PS
  • 0-100 km/h: 2,5 Sekunden
  • 0-200 km/h: 7,3 Sekunden
  • 0-300 km/h: 16,7 Sekunden
  • Max. Geschw.: 407 km/h

Das Ganze wird einem auf der Straße präsentiert zu einem Preis von 1 Mio. Euro (zzgl. Mwst.) und mit 6000 U/min bei einem maximalen Drehoment von 1250 Nm bei 2500 U/min (bei der letzten Angabe weiß ich gar nicht, was sie bedeutet – aber es hört sich beeindruckend an, nicht wahr…?)

Nun ist es aber mit solcherlei Autos wie mit den schönen Frauen in Film und Fernsehen:
sie nötigen uns ein hohes ästhetisches Urteil ab; wir empfinden ihre Zugehörigkeit zu einer besonderen Klasse naturaler, wie kultureller Schöpfung, aber sie lassen uns oft innerlich kühl, weil sie zu sehr einer platonischen Idee ähneln, zu sehr Modell für etwas zu sein scheinen, dass in seiner Einzigartigkeit jeglichen Realitätscharakters enthoben ist.

buga1Und so empfinde ich ein solches Automobil nicht als wirklich schön, weil Schönheit in meinen Augen auch real sein muss.
Traumautos und ebenso Traumfrauen (zumindest das, was man dafür hält) sind zwar real existent, aber mitunter nur Muster ohne praktischen Wert, so eine Art goldener Schnitt, der nur die Geschmäcker verdirbt und falsche Signale in die praktische Wirklichkeit des Menschen sendet.

Und so sollten wir Schönheit nicht nur nach ästhetischen Maximalmaßstäben messen, sondern als Gradmesser die Stärke heranziehen, mit der das betrachtetete Wesen uns innerlich erreicht und die Art und Weise, wie dessen innere Lebendigkeit die unsere befruchtet und motiviert.

Und schnell werden wir spüren, dass uns der vermeintlich maximale ästhetische Wert in sonderbarer Weise kalt lässt, dass er unseren Intellekt erreicht, welcher ein wohlfeiles Urteil fein kalkulierter Denktätigkeit liefert, aber dass in unserer Seele und unserem Spüren keine wirkliche Attraktion und Begeisterung spürbar wird.

buga4Die Beauties und Pseudomaßstäbe der multimedialen Ex und Hopp-Kultur sind hübsch ausstaffierte Schaufensterpuppen des Konsums und abschreckende Vogelscheuchen vorgegaukelter Sehnsüchte zugleich. Ihr Streben nach Perfektion, respektive dessen, was die Konsumpropheten uns als solche weismachen wollen, nimmt mitunter groteske Züge an, und sonderbarerweise lässt sich dieses quichotische Anrennen gegen die Windmühlen des Alters genauso vermarkten, wie ihre frühere faltenlose Präsenz im Rampenlicht.

Und so machen die Schönheiten der televisonären Überfrachtung gleich zweimal Karriere in den Gazetten: zuerst in der Blüte ihrer Jahre, zur Zeit ihrer künstlichen Überhöhung durch Journaille und Paparazzitum und dann, in eben den gleichen Medien, durch ihren Fall aus den unerreichbaren Sphären ihres ästhetischen Olymps in die Tiefen des ihre Schönheit vernichtenden Hades.

In gewisser Weise sehen wir sie an uns vorbei fallen – so als stürzten sie im Treppenhaus aus der obersten Etage des Hochhauses in den Keller, während wir Normalsterblichen fleißig und nimmermüde um jede Stufe des persönlichen Emporkommens und gegen jede Stufe des nahenden Abstieges ankämpfen.

Und so wandelt sich Bewunderung und Überhöhung in Schadenfreude und ein schales Gefühl von falsch empfundener Gerechtigkeit und später Genugtuung.
Es ist beruhigend zu sehen, wenn Götter fallen, denn in dem Maße, in dem sie im Fall dem Menschen ähnlicher werden, empfindet sich dieser ohne eigene Leistung näher an den Heroen des Olymp und kann den schönen Schein unbegründeter Hybris warm auf seiner irdisch-faltigen Haut genießen.

Dabei ist und bleibt er jedoch ein Abhängiger der ihm vorgegaukelten Scheinwelt, bleibt eine Marionette eben jener surrealer Ideale, die sein Leben bestimmen. Denn für jene, die fallen, folgen neue, die aufsteigen und die uns ebenso gefangen nehmen, wie die gestürzten Götter zuvor.

Diesem Teufelskreis und dieser Abhängigkeit lässt sich nur entgehen, wenn ein aufgeklärter Geist die Samstagabendshow mit der gegenseitigen Selbstbeweihräucherung der Schönen und Reichen als das begreift was es eigentlich ist: eine Fiktion, eine Flucht, eine Art Alkoholisierung mittels manipulierender bunter Bilder und ihrer vermeintlichen Beherrschung durch den Zauberstab der Moderne, den wir Fernbedienung nennen.

Und so ist die Frau, die ich liebe die schönste Frau der Welt für mich
weil sich in ihr die Lebendigkeit und das Leben – auch das bereits gelebte – widerspiegelt, vor dem die Vogelscheuchenschaufensterpuppen eine solche Angst haben, dass sie sich mit Spritzen, Einlagen und allerlei chirurgische Tand zwar eine gewisse optische Zeitlosigkeit, aber zugleich einen Verlust an innerer Größe und ganzheitlicher menschlicher Schönheit einhandeln.

Nun schließe ich den Kreis zurück zum exemplarischen Automobil, genieße den Blick auf den Bugatti und schätze ihn als ein ganz besonderes Beispiel dessen, zu was der Mensch befähigt ist (wenn er sich nicht genötigt sieht, seine Potenz in den Dienst der Rüstungslobby zu stellen…).
Ich behalte aber meinen Blick auf die Realität und den praktischen Wert meines heimischen Pkw, der mich treu und wohlbehütet von A nach B transportiert.

Was mehr will ich von einem Auto verlangen…?

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